Kerstin Pur

Impulse und Notizen von Kerstin Hack

Was ich wähle, ist das Handeln

Am 24. 9. haben wir Deutschen gewählt – genauer gesagt 75,6%  von uns.

Seit das Wahlergebnis fest steht – mit 12,6 % Stimmen für die AfD – ist in den Massenmedien und sozialen Medien der große Ärger und das große Jammern ausgebrochen. Ich poste auf Facebook in der Regel nichts zu politischen Themen, weil in diesem Medium eine echte inhaltliche Auseinandersetzung, Dialog usw. nur sehr begrenzt möglich ist. Und verkürzte Darstellungen niemandem weiterhelfen.

Einzige Ausnahme – ein Spiel mit Worten, das ich mir nicht verkneifen konnte.

Finde den Unterschied:
Die AfD jagt und klammert.
Der Rest klagt und jammert.

Ich will auch auf meinem Blog keine politische Diskussion starten. Dafür ist an anderer Stelle Platz.  Nur so viel: Ich will keine Partei wählen, bei denen ich noch nicht mal die Wahlplakate verstehe – etwa: „Berlin ist das Tor zur neuen Seidenstrasse“.

Wählbar ist für mich auch keine, die allen Ernstes noch Plakate mit „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Werbung macht und damit zeigt, dass sie weder sprachlich noch inhaltlich in der Gegenwart angekommen ist. (Kein Witz, die Plakate der alten kommunistischen Parteien hingen in meiner Umgebung, ich hab´s leider verpasst, sie zu fotografieren.)

Wählbar ist für mich auch keine Partei, die sich nicht von rechtsradikalen Menschen in ihrer Mitte und ihrem Umfeld abgrenzen kann oder will. Das hat für mich weniger mit der Vergangenheit unseres Landes zu tun, als vielmehr mit der Gegenwart und Zukunft: Es gehört zu meinen Werten, Menschen aller Herkunft zu achten und wo es möglich ist, Schwächere im Rahmen unserer Kräfte zu unterstützen.

Soweit zur Erklärung und Abgrenzung.

Ich ärgere mich nicht

Als ich das Wahlergebnis und die empörten, verärgerten, klagenden Reaktionen in den sozialen Medien las, hab ich mich gefragt, was ich jetzt tun kann. Betonung auf ich. Punkt.

Verachten will ich niemanden – auch nicht, wenn er andere Werte wichtig findet als ich und anders wählt als ich. Ich weiß, was mir wichtig ist und was ich will und hoffe es gelingt mir, Menschen auch dann mit Respekt zu begegnen, wenn wir Dinge anders sehen.

Ärgern, wo man nichts mehr ändern kann, hielt ich schon immer für Energieverschwendung. Ein Seminar bei Dirk Eilert am Wahlwochenende hat das noch einmal bestätigt. Er sagte sinngemäß:

„Ärger ist eine Emotion, die dazu dient, Energie freizusetzen, um Hindernisse zu beseitigen. Können sie nicht beseitigt werden (etwa, wenn man in einem Stau steht), bringt einem Ärger nichts – im Gegenteil. Hier könnte Trauer eine angemessenere Reaktion sein.“

Ärgern über etwas, was nun schon Vergangenheit ist und mich empören – das wollte ich nicht! Was dann?

Ich spürte Traurigkeit. Wenn ich daran denke, dass einige Millionen Menschen für die „Alternativen“ die ihnen in der AfD angeboten werden, Werte in Kauf nehmen, die ich nicht gut heiße, schmerzt mich das. Und ich frage mich, was ich tun kann.

Was ich jetzt tue – Alternativen zur Alternative suchen

Ich fühle mich zu 1/80 Millionstel für das Wahlergebnis und auch für mein Land verantwortlich. Nicht für alles, aber für etwas. Und ich habe überlegt, was ich jetzt tun kann, will und möchte.

Kein Wahlplakat, sondern ein uraltes Schild in einer Berliner U-Bahn.

Meine Ideen: 

  • Mit AfD Sympathisanten  im eigenen Umfeld reden. Ich hatte nur ein einziges Gespräch mit einer Freundin, die frustriert über die etablierten Parteien war, und mit dem Gedanken spielte, AfD zu wählen. Sie war verwirrt, wie sie sich angesichts der oft tendenziösen Presse zurechtfinden konnte. Wir haben uns lange unterhalten, ich habe ihr erzählt, woran ich mich in dem Ganzen orientiere. Und ihr noch en paar Links geschickt. Wo sich künftig Gelegenheiten ergebe, will ich weiter verständnisvoll für die echten Fragen der anderen und auch klar für meine Werte kommunizieren.

 

  • Im Osten unseres Landes Urlaub machen. Wenn man in Berlin lebt, ist das ja eigentlich nicht so weit. Ich nutze Urlaub meist, um Freunde zu besuchen. Wenn man den Analysen glauben darf, ist die Perspektivlosigkeit einer der Hauptgründe, dass dort die AfD so viele Stimmen bekam. Die Jugend wandert ab, es gibt zu wenig Arbeit für die, die bleiben. Um etwas zur Verbesserung beizutragen, will ich  in den nächsten 4 Jahren 4 x 4 Tage Urlaub im Osten Deutschlands machen. Wenn es sich ergibt, will ich mit Menschen, die da leben ins Gespräch kommen.

 

  • Geflüchtete coachen. Menschen, die geflüchtet sind, haben oft viel Stress in den Knochen. Das kann alter Stress durch Krieg und Flucht sein oder der Stress, in einem neuen Land anzukommen. Ich bin überzeugt davon, dass Menschen, die Stress abbauen konnten (ob allein oder mit Coach), besser in einer neuen Umwelt ankommen. Und dass es dann nicht nur ihnen besser geht, sondern das nebenbei (hoffentlich) auch rassistisch gesinnten Menschen etwas Wasser aus den Mühlen nimmt. Von daher möchte ich zwei Coachingstunden pro Monat geflüchteten Menschen gratis oder reduziert zur Verfügung stellen.

Das ist mein Plan oder sagen wir mal der erste Entwurf. Die Wahl war ja erst gestern. 

Gern würde ich von dir hören:

  • Was hältst du davon?
  • Was willst du jetzt machen?

Ich bin gespannt auf deine Kommentare.

8 Kommentare

  1. Hallo Kerstin,
    das klingt alles ganz vernünftig. Einen ganz wesentlichen Punkt möchte ich gerne ergänzen:
    * Tendenziöse Medien als Informationsquellen ausklammern. Bei den ÖR schätzt man den Anteil derer aus dem linksgrünen Lager auf 70%. Bei uns in der Familie ist die Saat der dortigen linksradikalen Hetze gegen die AfD massiv aufgegangen und führte zu panikartiger Angst vor den ganzen „Nazis“. Stattdessen aus erster Hand informieren. Parteiprogramm lesen, die Aussiebung von Stellungnahmen durch die Tendenzmedien, einschließlich der ÖR umgehen. Kühle Fakten statt heiße Emotionen bringen weit bessere Ergebnisse.
    Auch will ich mich nicht einreihen
    Ich für meinen Teil habe nach Abwägung der Summe aller Standpunkte (innere Sicherheit, Ehe und Familie, Genderideologie, Wirtschaft) die AfD gewählt. Die Aufgabe des Grenzschutzes hat zu einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit geführt ebenso wie zu mehr importiertem Antisemitismus. Die CDU hat bei der hastigen Abstimmung zur „Ehe für alle“ und beim hessischen Bildungsplan ihre christlichen Werte vollends verraten.
    Minuspunkte der AfD sind klar der Umweltschutz und das noch offene Verhältnis zu Israel. Auch hier müssen wir die Tendenzmedien umgehen, dann sehen wir, dass das Existenzrecht Israels als explizit herausgehobene Erklärung fehlt, aber es implizit in die Richtung geht. Frauke Petry hat eine pro-israelische Haltung eingenommen, die vergleichbar ist von Frau Merkel (der ich das als großen Pluspunkt anrechne).

  2. Rainer Döllefeld

    26. September 2017 at 13:33

    Danke, Kerstin,
    für deine alternativer Gedanken zum Wahlausgang. Ich finde den Katzenjammer nach der Wahl und ich fand die pauschalen Verwerfungen vorher nicht zielführend. Daher haben deine Gedanken meine Sympathie.
    Den Respekt vor Menschen, die in einem demokratischen Wahlakt ihrer Meinung (Wut, Frust, Trauer) Ausdruck gaben, möchte ich wahren. Insofern habe ich mich über konstruktive Gedanken zum Wahlverhalten von nicht wenigen Menschen gefreut. Und über die konkreten Ideen auch.
    Weiter so!

  3. Liebe Kerstin, das ist der erste Kommentar bzw Beitrag nach der Wahl, der mich nicht ‚aufregt‘. Vielen Dank für das Teilen Deiner Gedanken. Ich sehe bei den meisten anderen von Hilflosigkeit bis Wut alles mögliche, aber natürlich können wir jetzt trotz des Ergebnisses handeln, uns entscheiden, wie wir unsere Werte vertreten und leben. Jeder Bürger in diesem Land ist unserem Grundgesetz verpflichtet, das JEDEM Menschen Würde zugesteht. Dass das Leben jedes Menschen wertvoll ist.

    Deine Idee, Menschen Begleitung zu schenken, die sich das nicht leisten können und Hilfe brauchen, ist ein absolutes Geschenk!

  4. Sebastian Skobowsky

    26. September 2017 at 21:54

    LIebe Kerstin,
    mir ist Deine Stellungnahme zu dem Drumherum der Bundestagswahl positiv aufgefallen. Einen Beitrag habe ich dir ja schon geschrieben, ich weiß natürlich nicht, ob du den veröffentlichen wirst, mein Wunsch wäre es natürlich.
    Das Handeln wählen, der Ansatz gefällt mir, obwohl ich momentan nicht weiß, wo ich handeln kann. Der Kontakt zu einzelnen hier Angekommenen („Flüchtling“ ist als Begriff so verschlissen und missbraucht), den ich habe, ist gering aber durchweg positiv, letzten Samstag fanden sich zwei bei einem Bauprojekt unserer Gemeinde und arbeiteten fleißig mit. Das ist ein erfreulicher und wichtiger Teil der Realität. Ein anderer wichtiger Teil der Realität sind die massiv zugenommenen Übergriffe und Verbrechen (Vergewaltigung nenne ich so) vor allem gegen Frauen. Ich finde es hier wichtig zu differenzieren.
    Differenzieren wäre enorm wichtig in unserem Land. Folgende Beispiele:
    – Egal ob Pegida oder Willkommensklatscher (um mal 2 konträre Positionen herauszunehmen), beide Seiten täten gut daran zu unterscheiden, welche Gruppen hier ankommen. Die einen müssen wissen, dass wirklich auch Menschen hierher kommen, die vor Krieg und Verfolgung geflüchtet sind, den anderen ist zu sagen, dass sie undifferenziert auch denen zujubeln, die nachher in der Erstaufnahme ihre (z.B. christlichen) Mitbewohner drangsalieren, sie mit Mord bedrohen usw. Nur durch Differenzierung können wir etwas dagegen unternehmen, dass unser Asylrecht durch die falschen Asylforderer komplett oder zum Großteil zunichte gemacht wird.
    Am schwersten haben aus meiner Sicht jedoch die Medien versagt, durch unverhohlene Diffamierung, teilweise unfaire Talkrunden. Ein Vorurteil wurde aufgebaut und Angstmache gegen die „Rechtspopulisten“ aufgebaut.
    So nach und nach kamen dann immer mehr Bürger dahinter, dass die ganzen aufgebauten Märchen wie Kartenhäuser zusammenfallen:
    – Homophobie: glaubt kein normal Denkender bei einer Partei, deren Spitzenkandidatin sich als Lesbe geoutet hat.
    – Fremdenfeindlichkeit: dafür sind zu viele Migranten willkommen in der Partei.
    – fehlendes Bekenntnis zu Israel: Im Juni gab es in einer israelischen Zeitung ein Interview mit Frauke Petry, aus dem sich schließen lässt, dass sie mit ganzem Herzen auf Israels Seite steht. Es gibt auch Negativbeispiele wie Gedeon, Möllemann war kein AfD’ler, da war der Aufschrei auch viel leiser.
    – Schießbefehl: Petry hatte das genaue Gegenteil im Interview gesagt (ich habe es im Mannheimer Morgen in ganzer Länge gelesen).
    – Extremismus: Keine andere Partei hat so strenge Aufnahmekriterien für die Mitgliedschaft wie die AfD. Leider ist sie die einzige Alternative zu einer politischen Konsenslandschaft, die die eigene Bevölkerung vernachlässigt hat und zieht dadurch auch viele Extreme an, leider.

    Wer die Extremen als starkes Gegenargument sieht und die AfD deshalb nicht wählen kann, verdient meine Hochachtung, denn er handelt nach seinem Gewissen und aufrichtig. Wer aber in den von den Medien durchtrainierten Chor der Ankläger einstimmt und überall nur Nazis sieht, auch dort, wo gemäßigte Leute sind, die das Land in einem guten Zustand bewahren wollen, verdient meine Hochachtung nicht. Er schlägt sich auf die Anklägerseite, hat Anteil an Hass und Hetze (hier von links). Weil wir als GadW genau diese Hetze von den gleichen Quellen mehrfach erlebt haben, empfinde ich das, was jetzt politisch gelaufen ist, als Deja-vu.

    Meine persönlichen und Gewissenskriterien waren u.a. folgende:
    – Grenzschutz: Seine Totalaufgabe empfinde ich als grob fahrlässig und sie schadet u.a. auch den echten Flüchtlingen, die in den Aufnahmestellen wieder auf ihre Verfolger treffen müssen. Zugegeben, meine eigenen Landsleute stehen mir diesbezüglich noch näher als die Geflüchteten, die ich nicht kenne.
    – Innere Sicherheit: hat entsprechend gelitten, finde ich aber enorm wichtig, damit sich unser Land nicht ganz schlimm radikalisiert. Starker Punkt für die AfD. Die FDP hat hiervon Positionen für den Wahlkampf aufgegriffen.
    – Ehe und Familie: AfD hat als einzige Partei den Erhalt der Ehe in ihrer ursprünglichen Form zum Ziel. Da ich ein generelles Adoptionsrecht durch Gleichgeschlechtliche um des Kindeswohls willen ablehne, geht der Punkt klar an die AfD
    – hierzu Genderideologie: Die AfD stellt sich – zusammen mit Teilen der CDU/CSU – dagegen. Die CDU hat aber durch die überstürzte Ehefüralle-Abstimmung und durch die aktive Forcierung von Genderlehrplänen in Hessen ihre ursprünglichen Werte verraten. Kinder gehören geschützt vor dem Zugriff durch LSBTTI-Gruppen und Frühsexualisierung schon ab der frühen Grundschule.
    – Umwelt: Ein Minuspunkt für die AfD. Seit der Dieselhysterie etwas relativiert, weil andere den Dieselskandal jetzt auf unlautere Weise ausschlachten wollen.
    – Israel: In der AfD fehlt bisher eine Positionierung, sie ist etwas uneinheitlich. Petry und viele mit ihr sind ganz klar für Israel, Gauland möchte eine allgemeiner formulierte Stellungnahme. Bedingter Minuspunkt.
    Auf der anderen Seite tut die Partei indirekt mehr gegen Antisemitismus als die anderen, da sie als Einzige den Linksextremismus gezielt bekämpfen will, aus dem heraus auch antijüdische Übergriffe kommen, sowie indem sie als Einzige sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Der politische Islam ist ganz klar antijüdisch und erst im Juni wurde eine Dokumentation im ÖR Fernsehen zurückgehalten, die das belegt hatte. Hier ein Pluspunkt. (Petry stieg erst nach der Wahl aus, das konnte ich vorher nicht einplanen). Auch sind einige Juden Parteimitglieder.
    – Nationalsozialismus: Hier muss man die Medienhysterie abziehen von denen, die auf jede Liebesbekundung zum eigenen Land gleich mit der Nazikeule zuschlagen. Leute wie Petry, Meuthen, Guido Reil und viele andere sind Größen, die sich vehement gegen rechtsextreme Tendenzen stellen würden.
    In der Summe habe ich daher – aller Hetze zum Trotz – meine Kreuze bei Blau gemacht. Nach bestem Wissen und Gewissen. Aber auch da spreche ich nur für mich selbst.

    Zur Umgang mit der Vergangenheit hat sich mein Standpunkt inzwischen stabilisiert:
    – Was geschehen ist, ist zu schlimm um es jemals ganz zu vergessen.
    – Niemand hat das Recht uns deswegen in einem Schuldkomplex gefangen zu halten. Auch wir selbst nicht. Parolen wie „Nie wieder Deutschland“ oder „Deutschland verrecke“ sind ein absolutes No-Go. Aus meiner Sicht ist das Komplementärfaschismus, also anders gepolt, aber sonst der gleiche Charakter.
    – Es wäre auch wichtig, den fürchterlich inflationären Gebrauch von „Nazi“ und „rechts“ endlich zu beenden, um das unsägliche Leid, dass Menschen unter diesen Verbrechern erlitten haben, nicht immer mehr indirekt zu relativieren.
    – Wir brauchen wieder ein gesundes Verhältnis zu unserem Land und müssen es wieder lieben dürfen. Die Amis haben mir vorgelebt, dass man auf sein Land stolz sein kann und trotzdem andere Länder sehr achten. Die schwarzrotgoldene Flagge darf kein Reizsymbol sein.
    – Unsere Geschichte besteht nicht nur aus 12 Jahren, sondern aus viel mehr. Andere Völker beneiden uns um unsere Kultur. Auch das sollte uns bewusst sein.

    Sorry, jetzt habe ich dich vollgetextet, aber vielleicht ist ja etwas für Dich Brauchbares dabei. Deinen Artikel und Deine Ziele finde ich jedenfalls richtig gut und wünsche Dir Gottes Segen dabei!

    Liebe Grüße
    Sebastian

  5. Danke dir – das ist ermutigend….

  6. Danke für die Gedanken. Da ich gerade mitten im Buchschreiben stecke fehlt gerade die Zeit für eine längere Antwort, aber das DANKE kommt von Herzen!

  7. Danke dir…das ist total lieb!

  8. Von Herzen DANKE!

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