Impulse und Notizen von Kerstin Hack

Archiv für ‘Glaube’ Kategorie

Zauberhafter Tag

13.08.2011 um 6:01 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Besser Leben,Beziehungen,Glaube


Heute war einer dieser Tage, die man nur als zauberhaft bezeichnen kann. Bezaubernd, weil mir so viel Schönes geschenkt wurde. Zauberhaft auch, weil ich meinen Teil dazu beigetragen haben, Chancen auf glückliche Momente zu nutzen. Arnold Retzer, ein kluger und retzfrecher Psychologe und Coach sagt, dass man jede Paarbeziehung dadurch ruinieren kann, wenn man von ihr ständiges Glück erwartet. Und besser damit fährt, mit dem zufrieden zu sein, was ist, statt ständig nach (mehr) Glück im Miteinander zu streben. Und die unverhofften Glücksmomente dann umso mehr zu genießen.

Ich fragte mich, ob das auch auf Gottesbeziehung zutrifft. Ob man sich mit der (oft angeheizten) Erwartung, man müsste Gott noch mehr, noch tiefer, noch intensiver erleben, sich um das Glück der Beziehung bringt. Und ob man entspannter nicht viel mehr Glück erfahren kann.

So wie heute.

- Das Glück Morgens in den Fluss zu springen und eine halbe Stunde zu schwimmen und das bitterkalte, aber samtweiche Wasser zu genießen. Mein Anteil: Den inneren Schweinehund überwinden und reinspringen…ähm…bibbernd tastend reingehen.

- Herrlich frühstücken, mit Brötchen, Ei und Obstsalat (Mein Anteil: Mich an den gedeckten Tisch setzen… ;-)

- Von wildfremden Menschen, die ich auf dem Fluss traf, ein Kajakpaddel ausgeliehen zu bekommen….nachdem sie gesehen hatten, wie ich mich mit dem 1er Kanu-Paddel schwer tat, das große Kanu vorwärtszubekommen. Mein Anteil daran: Zugeben, dass es wirklich schwer war…und das Geschenk dankend annehmen….und die weitere Strecke doppelt zu genießen.

- Eine große Tasse Kaffee in einem Lokal geschenkt zu bekommen. Mein Anteil: Obwohl “Geschlossene Gesellschaft” an der Tür stand, mutig und freundlich zu fragen, ob ich trotzdem einen Kaffee haben könnte. Die geschlossene Gesellschaft war eine Hochzeit und Kindstaufe. So kam ich auch noch in den Genuss von klassischer Musik, einer romantischen Liebesgeschichte, zwischen Frederike und Axel (oder Alex), wo tatsächlich der Blitz eingeschlagen hatte (in eine Wiese), als sie sich verliebte. Mein Anteil: Da sein, Kaffee trinken, Zuhören und genießen…und dem Brautpaar alles Gute wünschen…

- Ein verzauberter Moment als ein Libellen-Paar sich auf meinem Arm niederlies, um sich zu paaren und ich sie aus nächster Nähe beobachten und fotografieren konnte (mit ausgestrecktem linken Arm). Mein Anteil: Da sein, ruhig sein, beobachten und genießen.

- Die letzten Sonnenstrahlen auf dem Gesicht. Mein Anteil: Aus dem schattigen Uferplatz wegpaddeln als mich
die laute Musik vom Nachbargrundstück nervte.

- Zum Tagesabschluss: Vollmond und ein Feuerwerk – nicht schlecht für einen Tag, an dem ich kein besonderes Glück erwartet hatte.

Ich würde mal sagen, mein Gott und ich wir hatten heute einen ganz schön guten Tag. Er hat beschenkt, ich hab´s genommen und genossen.

 

3 Kommentare

Ein friedlicher 1. Mai

04.05.2011 um 8:58 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Glaube

Manchmal fragt man sich ja schon, was man tut. Seit Jahren engagiere ich mich gemeinsam mit anderen Christen dafür, dass der 1. Mai in Berlin friedlicher verläuft. Mit Gebet, einem Gottesdienst oder auch ganz praktisch, indem wir Flaschen wegräumen oder mit Menschen reden. Gebet kann man nicht messen – trotzdem ahne ich, dass das, was wir getan haben, dass dieser 1. Mai einer der friedlichsten seit langem war. Und bin einfach dankbar.
Die Presse hat dieses Jahr ausgesprochen positiv über den Open Air Gottesdienst berichtet – ich habe dort eine Ansprache gehalten und der Journalist hat richtig zugehört. Im Internet kann man sogar ein bisschen reinhören.

Und wer will, kann sogar – von uns organisiert – ganz praktisch etwas für Kreuzberg tun. Müll aufsammeln in Parks zum Beispiel. Gehört auch dazu.

2 Kommentare

Good Friday…

21.04.2011 um 7:26 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Glaube

I thank you, Lord Jesus, for becoming a human being
so I do not have to pretend or try to be God.

I thank you, Lord Jesus, for becoming finite and limited
so I do not have to pretend that I am infinite and limitless.

I thank you, crucified God, for becoming mortal
so I do not have to try to make myself immortal.

I thank you, Lord Jesus, for becoming inferior
so I do not have to pretend that I am superior to anyone.

I thank you for being crucified outside the walls,
for being expelled and excluded like the sinners and outcasts,
so you can meet me where I feel that I am,
always outside the walls of worthiness.

I thank you for becoming weak, Lord Jesus,
so I don’t have to be strong.

I thank you for being willing to be considered imperfect and strange,
so I do not have to be perfect and normal.

I thank you, Jesus, for being willing to be disapproved of,
so I do not have to try so hard to be approved and liked.

I thank you for being considered a failure,
so I do not have to give my life trying to pretend I’m a success.

I thank you for being wrong by the standards of religion and state,
so I do not have to be right anywhere, even in my own mind.

By Richard Rohr / Meditations

[Den Text habe ich leider nur auf Englisch]

1 Kommentar

Pilgerreise

13.01.2011 um 3:44 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Glaube

Die ZEIT Autorin Özlem Topçu schreibt von einer Pilgerreise:  “Diese Reise: Zu einer Gläubigen hat sie mich nicht gemacht – aber zu jemandem, der sich seines Nichtglaubens nicht mehr sicher ist. “

Ich finde das sehr schön formuliert…sich seines Nichtglaubens nicht mehr so sicher sein. Es berührt mich, wenn Menschen unterwegs sind – und ich wünsche ihnen, dass sie da ankommen, wo sie zu Hause und geborgen sind. Voll Glauben und Vertrauen.

2 Kommentare

Noonsong – a Lestival of nine Lessons and Carols

23.12.2010 um 7:34 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Glaube,Ideen,Kunst und Kultur

Unter diesem Titel hat der Berliner Noonsong letzten Samstag eine bewegende Stunde gestaltet. Gemeindeglieder, Pfarrer, Lokal- und Bundespolitiker lasen Bibeltexte. Von Schöpfung und Sündenfall bis Weihnachten – die Geschichte der Menschheit von der Trennung von Gott bis zur Geburt des Erlösers in ausgewählten, eindrücklichen Texten.

Dazwischen traumhaft schön gesungene mehrstimmige Kompositionen von Renaissance bis 2010 – zwei Welturaufführungen. Kirche, Politik und Kunst, verkünden gemeinsam die Botschaft der Hoffnung. Eindrücklich und bewegend.

Auf der Website von  Noonsong könnt ihr reinhören und euch auch inspirieren lassen.

Kommentar schreiben

@vent = wenn alles anders kommt

11.12.2010 um 6:55 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Erlebnisse,Glaube,Kunst und Kultur

Krippe in AntwerpenIn der Adventszeit gehörte ich zu einer @ventsgemeinschaft. Jeden Tag schickt ein anderer den Mitgliedern der Gemeinschaft Gedanken, Impulse, Lied- oder Bibeltexte zur Inspiration. Hier meine Gedanken für heute.

Gott entdecken

Im Advent feiern wir, dass Gott in unsere Welt kommt. Manchmal haben wir da eher süssliche Bilder im Kopf, voll Glitter, Kerzenschein, Lametta, Wärme und Licht und Zuckerware. Das gehört dazu. Doch manchmal ist es rauer als wir denken, wenn Gott in unsere Welt hineinbricht.

Gerade habe ich bei einem Freund ein Stück von Nina Hagens Autobiographie als Hörbuch gehört. Sie erzählt, wie sie als Kind umgetrieben war von der Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Sollte sie ihrem klugen Pflegevater Wolf Bierman vertrauen, der angesichts des Leids der Welt nicht mehr an Gottes Existenz glauben wollte – oder ihrer einfachen Tante “Muschel”, für die Gott so real war wie der Mensch, der neben einem saß. Nina wollte es herausfinden. Der einzige Test für Gottes Existenz, der ihr einfiel, war Gott die schlimmsten Beleidigungen an den Kopf zu werfen, die sie sich denken konnte – so dass er einfach reagieren und sich zeigen musste. Sie tat es an einem Abend – und war ganz enttäuscht, als nicht einmal die Wände wackelten. Doch am nächsten Tag stürzte sie so unglücklich vom Schwebalken, dass sie ihr Bein brach und erst im Krankenhaus erwachte.

Sie sah den Gips an ihrem Bein. Ihr war sonnenklar: “Gips – Gott. Gott gips wirklich…” Sie war überglücklich. Gott war im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Welt hinein-gebrochen und hatte sich ihr gezeigt.

Nein, ich glaube nicht, dass Gott Menschen, die ein schlechtes Wort über ihn verlieren, immer einen Denkzettel verpasst. Aber ich glaube, dass er gern mit uns auf die Art und Weise kommunizieren will, die wir verstehen – und wenn es ein Gips ist, der einem Kind, so wie sie es verstehen kann, zeigt…Gott gips wirklich. Bis aus dieser ersten Gotteserfahrung vertrauensvoll gelebter Glaube wurden, sollten bei Nina Hagen noch einige Jahrzehnte vergehen…aber ein Anfang war gesetzt.

Gott im Ungewollten sehen

Zurück zu Weihnachten. Mich hat in den letzten Monaten die Geschichte von Joseph bewegt. Der wird – als in gewisser Weise Unbeteiligter – in Gottes Geschichte hineingezogen. Gestern wurde die kleine Sophia operiert. Sie brach ungeplant in ihre Familie herein. Und kam obendrein mit einer Gaumenspalte und anderen gesundheitlichen Problemen zur Welt. Alles anderes als erwartet.
Mit ungeplanten Lebenssitutionen klarkommen – und darin mit Gottes Hilfe bestehen – das ist wahre Weisheit. Ihr Vater, Christoph Schalk hat, als er mit dieser ungeplanten Situation gut umgehen lernen wollte, viel vom biblischen Joseph gelernt. Auch der wurde in eine ungeplante, keinesfalls so gewollte Situation hineingeworfen. Joseph ist zum Vorbild im vertrauensvollen Umgang mit ‘unmöglichen Situationen’ geworden. Die Kunst, ‘Ja’ zu ungeplanten Wegen zu sagen und das Beste daraus zu machen beschreibt er in dem Quadro - Inspirations- und Andachtsbuch Weisheit entwickeln, das mich in den letzten Wochen sehr bewegt hat.

Wie unmöglich das ist, wird mir gerade deutlich, wenn ich im Internet auf Twitter die Einträge von Joseph von Naza lese. Da erzählt Jospeh seine Geschichte. Jeden Tag ein Stück. Die unerwartete und unerklärliche Schwangerschaft seiner Verlobten. Dann zu allem Überfluss die Volkszählung. Die Reisevorbereitungen. Der Stress. All das, was er nicht wollte….und dennoch…. geplant von Gott, um seine Pläne mit ihm, Joseph, und weit darüber hinaus zur Erfüllung zu bringen.

In jedem Leben ist vieles ungeplant und ungewollt. Oft auch unerwünscht. Sicher nicht so wie erhofft. Manches ist sicher einfach Zufall oder Pech. Doch könnte es sein, dass manche der Dinge, die geschehen, ein Stück dessen sind, wie Gott in die Welt, auch in unsere eigene Welt hineinbrechen will. Unbequem. Ohne Zuckerguss. Aber auf seine Art. Um sich zu zeigen. Damit wir IHN sehen und begreifen können – auf unsere Art.

Kommentar schreiben

Segen

07.12.2010 um 4:10 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Besser Leben,Glaube

Dieser Segen ist heute zu mir hereingeflattert und hat mich berührt. Ich wollte ihn gern mit euch teilen.

Gott segne euch, die ihr warten könnt,
und öffne euch Seine Türen
zu Seiner Zeit.

Gott segne euch, die ihr lauschen könnt,
und senke in eure Ohren
Sein gutes Wort.

Gott segne euch, die ihr staunen könnt,
und erfülle eure Herzen
mit Seinem Licht.

Gott segne euch, die ihr glauben könnt,
und lasse euch schauen
Seine Verheißung.

Gott segne euch, die ihr lieben könnt,
und mache euch zu Feuern
in Dunkel und Eis.

Kommentar schreiben

Reisen und schreiben

18.11.2010 um 9:29 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Allgemein,Buchtipps,Glaube,Verlag

Hier auf dem Blog war es etwas still…was vor allem daran lag, dass ich viel zu Vorträgen und Terminen unterwegs war und bin. In diesem Monat: Stuttgart, Esslingen, Kirchheim, Hagen, Gießen, Siegen, Halle, Bernburg.
Und dass ich nebenbei mein neues Buch fertig gemacht habe: Gebet. Schlicht und ergreifend. Jetzt ist noch der letzte Feinschliff dran, dann geht es in den Druck. Ich hab gestern vor Glück gejubelt, als ich die Endfassung gesehen habe – ich finde es wunderschön. Eben schlicht und ergreifend.



5 Kommentare

Unwirksamer Trost

22.09.2010 um 2:48 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Erlebnisse,Glaube

“Ihr Trost taugt nichts” Mit diesen Worten beschwert sich Gott über Menschen, die als spirituelle Experten auftreten (Wahrsager), aber nichts Substantielles zu bieten haben. Dass er und seine Propheten die Aussagen und Träume der Wahrsager für leer und inhaltslos halten, war mir schon bekannt. Aber der Aspekt des Trostes ist mir erst aufgefallen, als ich den Text aus Sacharia 10 gestern mal wieder las.
Vielleicht bemerkte ich es auch deshalb, weil ich am Tag zuvor erlebt hatte, welche Anziehungskraft echter Trost hat. Paul Young hatte so tief von der Liebe Gottes und seinem Trost gesprochen, dass man schon ein Stein hätte sein müssen, um sich davon nicht erweichen zu lassen. Die Zuhörer waren zum größten Teil Menschen, die sich intensiv mit allen möglichen spirituellen Praktiken, Meistern und Methoden beschäftigt hatten, die ihnen Erleuchtung und Kraft versprachen. Aber offensichtlich nicht den Trost gaben, den sie suchten. Zumindest konnte ich mir die Anziehung, die Paul mit seiner herzlichen und einfühlsamen Art hatte, nicht anders erklären.
Vielleicht sind die Leute auch müde von all der Anstrengung, die mit verschiedenen Praktiken verbunden ist. Ich entdeckte dort ein Plakat, wo ein Meister damit Werbung für sich machte, dass er die Praktiken der anderen für überflüssig erklärt.
” VERGISS:
- Wünsche an den Orbit
- Engel-Krempel
- Geheimniskrämereien
- 2012 fällt aus.”

Ein anderer erklärte mir: “Ich mag keine Leute, die alles mögliche aus dem Universum channeln und dann Hartz iV empfangen.”

Es waren interessante Erlebnisse und Begegnungen. Ich finde es spannend, all das im Licht der Frage nach dem Trost zu betrachten. Menschen suchen Trost.

Kommentar schreiben

“Papa und ich”: Begegnung mit William Paul Young

19.09.2010 um 6:00 Uhr | Kerstin Hack | Thema: Beziehungen,Buchtipps,Erfolg,Erlebnisse,Glaube

Heute führte ich das erste Interview meines Lebens:  Mit William Paul Young, dem Autor von “Die Hütte“. Das Magazin “Neues Leben” hatte mich gebeten, für einen ausgefallenen Redakteur einzuspringen. Das tat ich gerne. Es war mehr als ein Interview. Es war eine Begegnung mit einem Menschen, der in sich selbst und Gott zu Hause ist.
Da ich vom Interview ja vor dem Abdruck nichts preisgeben will, um Neues Leben nicht die Show zu stehlen, erzähle ich euch einfach ein bisschen vom “Drumherum”.

Tee und Familie
“Hast du das schon mal probiert? Das schmeckt ja ekelhaft.” Mit diesen Worten zeigte Paul Young auf eine Tasse Mate-Tee, den eine Mitarbeiterin ihm gebracht hatte. Lachend schob er die Tasse auf die Seite und wandte sich mir zu.
Ich fragte ihn: Willst du noch etwas über mich wissen, bevor wir mit dem Interview beginnen? Ja, das wollte er. Doch er fragte mich nicht nach meinem Beruf, meiner Qualifikation, sondern nach meiner Familie!

Hütte-Seminare

Ich erzählte ihm auch von unseren Seminaren. Ich hatte inspiriert durch sein Buch das Seminar “In seiner Hütte” entwickelt. Es ist für Menschen gedacht, die sich danach sehnen, (wieder) in Beziehung mit Gott zu treten, aber nicht wissen wie.  Nicht jeder Autor mag es, wenn man seine Ideen aufgreift und weiterentwickelt. Doch Paul Young reagierte anders. Ich erzählte ihm, dass bei den Wochenenden manche Menschen – manchmal zum ersten Mal seit Jahrzehnten – Belastendes loslassen können. Er strahlte über das ganze Gesicht: “Das ist wunderbar!”

Seine Geschichte und Gottes Humor

Paul Young hat ganz offensichtlich Interesse an Menschen und ihrer Geschichte. Das war mir schon vor dem Interview aufgefallen. Am Morgen hielt er einen bewegenden Vortrag. Er erzählte die Entstehungsgeschichte des Buches “Die Hütte” und wie es Verbreitung fand. Er erzählte davon, wie ein 84jähriger Mann ohne Internetanschluss und Bankkonto zu einer der Schlüsselpersonen für die Verbreitung des Buches in Australien wurde. “Das war unsere Marketingstrategie für Australien!” sagte er mit mehr als einem gehörigen Schuss Selbstironie.

Man spürte ihm ab, dass er sich immer noch die Augen rieb, den Kopf schüttelte und sich fragte: “Ist das real, was ich erlebe? Ist das wirklich meine Geschichte?” Dass er als unbekannter Autor einen derartigen Weltbestseller schrieb, kann er nur mit zwei Worten beschreiben: “Gottes Humor!”
“Woher kommt Humor, wenn nicht von Gott?” Die Frage überraschte wohl den einen oder anderen Zuhörer. Manch einer denkt, so Young, Gott sei wie ein “schlechtgelaunter Gandalf” (O-Ton: “Gandalf with an attitute”). Youngs Gott hingegen hat keine grundlos schlechte Laune. Er ist den Menschen vielmehr mit aktiver Liebe zugewandt. Young brachte mit jedem Satz, den er sprach, zum Ausdruck, dass er das zutiefst glaubte: Gott liebt die Menschen. Und er möchte in einer Beziehung zu ihnen stehen.
Viele Zuhörer und sogar die Übersetzerin hatten Tränen in den Augen. Manchmal vor Rührung. Manchmal vor Lachen. Paul Young erzählte von der Kritik die er dafür erhielt, dass er Papa Gott in die Gestalt einer dicken schwarze Amerikanerin kleidete. Das konnte nicht jeder gut schlucken – einschließlich seiner Mutter, die ihn anfangs für einen Häretiker hielt.

Er blieb locker: “Die Bibel verwendet viele Bilder, um die mütterliche Seite Gottes zu beschreiben: Den Gott, der ein Neugeborenes versorgt oder der sein Volk wie eine Glucke unter seine Flügel nehmen will. Ich hätte Gott in meiner Geschichte auch als dicke Henne durch die Tür kommen lassen können – aber das hätte einfach nicht den gleichen Effekt gehabt.”

Signierstunde

Die Schlange war 40 Meter lang. Young begrüßte jeden einzelnen Menschen, der an seinen Tisch kam mit Handschlag und einigen freundlichen Worten. Dann  setzte er sich, schrieb eine persönliche Widmung und stand dann wieder auf, um die Person zu umarmen. Manche nur kurz. Andere, bei denen er wohl spürte, wie sehr sie Zuwendung brauchten, nahm er eine halbe Minute oder länger in den Arm.
Ich weiß nicht, wie lange er signiert hat. Ich sah eine halbe Stunde lang zu. Dann ging ich zu einem leckeren Mittagesssen. Als ich zurück kam, signierte er wieder oder immer noch. Eine weitere halbe Stunde lang. Er wandte sich jedem Menschen achtsam zu. Ich konnte mir erstmals richtig gut vorstellen, wie es aussah, wenn es in der Bibel heißt, dass Jesus die Menschen verabschiedete.  Nicht mit distanziertem Segensgruß aus der Ferne. Sondern persönlich und nah.

Familie und Heilung

Während Paul Young signierte, kam ich mit seiner Frau und seiner Tochter ins Gespräch. “Nein, das Buch hat ihn nicht verändert. Die Veränderung fand vorher statt.  Klar, seit dem er das Buch geschrieben hat, lernen wir neue Leute kennen. Aber ansonsten hat es unser Leben und unser Miteinander als Familie nicht verändert.” Das sagten mir Mutter und Tochter übereinstimmend.

Kim Young, Pauls Frau, führte das näher aus: “Eine Veränderung war, dass er vor seinem Heilungsprozess immer recht haben musste. Er war schon immer ein sanfter Mann. Aber früher musste er immer Recht haben. Das gab ihm Sicherheit.  Das braucht er jetzt nicht mehr. Ich selbst bin mitfühlender geworden, seit ich an ihm gesehen habe, wie viel ein Mensch mitmachen kann und wie ihn das zerbrechen kann.”

“Veränderung” und “Prozess” – das sind zwei Worte, die ich später im Gespräch auch aus Paul Youngs Mund immer wieder höre. Er wünscht anderen das gleiche, was er selbst erlebt hat: Dass sie Gott in ihre “Hütte” lassen. Die “Hütte” ist für ihn eine Metapher für den Ort im Inneren unseres Herzens. Dort, wo alles eingeschlossen ist, was wir lieber verborgen halten: Schmerz, Zerbrochenheit, Geheimnisse, Süchte und Ängste. Er wünscht Menschen, dass sie erleben, dass Gott in ihre Hütte kommt, sie annimmt und liebt… und annimmt und liebt… und annimmt und liebt. Und dann verändert.

“Nach diesem 11 Jahre dauernden Prozess waren meine Frau und ich zwei der innerlich gesündesten Menschen, die wir kennen.  ” (O-Ton “most healed people”). Aus dem Mund von Paul Young klingt das nicht arrogant. Sondern eher wie das Staunen eines Kindes über ein Wunder.

Paul Young ist noch bis zum 23. September 2010 in Europa: Wien 22. 9. , Bern 23. 9.


Share

2 Kommentare