Kerstin Pur

Impulse und Notizen von Kerstin Hack

Schlagwort: Ausland

Ein junges Land

Am westlichen Punkt meiner Reise angekommen, bewegt es mich nach wie vor, wie jung dieses Land ist, wie viele Ereignisse, die ich als „historisch“ abgespeichert hatte, erst vor recht kurzer Zeit passiert sind.

Der Goldrausch und die damit verbunden Entwicklung der Stadt Sacramento, in deren Innenstadt noch einige echte Westernhäuser erhalten sind, war vor etwas mehr als Hundert Jahren.

Gerade wohne ich in einem der wenigen Häuser in San Francisco, das das verheerende Erdbeben von 1906 und die Brände, die fast die ganze Stadt zerstörten, überstanden hat.

Gestern habe ich einem Mädel von Rosa Parks, dem Montgomery Bus Strike und Martin Luther King erzählt…auch das ist noch kein Menschenleben her…ich habe sogar mal den Assisten von MLK jr., wie er hier heißt, kennen gelernt.

Ich kann jetzt besser verstehen, warum Obama in seinen Reden – wie kürzlich an der Uni in Texas – so oft darauf hinweist, dass die Nation noch im Werden ist. Er tut es – weil es stimmt. Und weil es nach wie vor – anders als in Ländern, die schon fester geformt sind, hier noch viel mehr möglich ist und Menschen gebraucht werden, die diese Möglichkeiten zum Wohl aller nutzen.


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Halbzeit

Gestern habe ich mit Trauer festgestellt, dass die Hälfte meines wunderbaren Urlaubs schon vorbei ist. So lange habe ich noch nie in meinem Leben Urlaub gemacht. Bisher ging das auch kaum, weil es schwer möglich war, den Verlag so lange alleine zu lassen. Mittlerweile ist aber mein Team so gut eingespielt, dass ich die Verantwortung gut in ihren Händen lassen kann und weiß, dass die Sachen gut laufen. Das ist soo entlastend und tut mir gut, richtig Urlaub zu machen.

Heute Morgen bin ich mit Übelkeit, Kopf- und Rückenschmerzen aufgewacht…vermutlich hab ich – bei 40 Grad im Schatten! – zu viel geschwitzt und zwar viel getrunken, aber nicht genug Mineralien aufgenommen. Dass ein Gewitter im Anzug ist, macht es nicht unbedingt besser. Meine Freunde haben mich mit Massage und Elektrolyd-Wasser wieder aufgepäppelt. Ich gönne mir heute trotzdem einen sehr faulen Tag. Bisher hab ich hier nur das Kapitol (größer als das in Washington) gesehen – die anderen Sehenswürdigkeiten müssen einfach warten.

Meine Freunde hier, bauen ein Netzwerk von Künstlern auf. Im Bloom House können Künstler ne Weile leben und Arbeiten. Mode, Film, Schreiben – hier kommt eine Menge Kreativität zusammen. Gerade sind die meisten verreist, aber sie werden gegen Ende meiner Zeit wieder auftauchen.


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Etwas weniger Wasser im Hunza Tal

Die Situation im Hunza Tal in Pakistan bewegt mich nach wie vor. Der See, der sich durch einen Erdrutsch in einem Flusstal gebildet hat, ist nach wie vor mehr als 100 Meter tief…und hat Häuser, Straßen usw. verschluckt.

Das Bild ist vom 3. Stock eines Hotels…..die ersten beiden Stockwerke sind mit Wasser gefüllt.

Derzeit sinken die Temperaturen in der Region wieder – was zu weniger Schmelzwasser führt. Der Fluss, der den See speist, wird schwächer. Der See kann langsam abfließen.  Langsam ist natürlich immer noch eine Katastrophe für die Menschen, deren Häuser flussaufwärts vom Wasser verschluckt sind. Schnell wäre eine Katastrophe und Bedrohung für die Menschen, die flussabwärts leben.


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Wembley-Tor, Fußball, Ausgleich und Vergebung

Derzeit schreibe ich ein Quadro zum Thema „Vergebung.“ Ein Kerngedanke ist, dass Menschen immer Ausgleich wünschen, wenn sie Ungerechtigkeit erlebt haben.

Das ist menschlich, natürlich und das Normalste, was man sich denken kann: Wenn einem etwas Ungerechtes widerfährt, will man Ausgleich für das erlittene Unrecht. Schadenersatz. Gerechtigkeit. Wiedergutmachung. Oder auch Rache. Rache ist nicht anderes als der Versuch, den Schmerz oder das Unrecht, das einem zugefügt wurde, wieder auszugleichen,  indem man einer anderen Person Schaden oder Unrecht zufügt.

Die paar kleinen Probleme

– Es gibt in jeder Situation mehrere unterschiedliche Sichtweisen. Meistens zwei. Mit Anwalt drei. Was für den einen schwerwiegend ist, ist für den anderen weniger tragisch. Da Menschen sich in ihrer Beurteilung unterscheiden, gibt es auch unterschiedliche Perspektiven ob und in welcher Höhe Ausgleich zu leisten ist.

– Es gibt auf dieser Welt keinen perfekten Maßstab für Ausgleich. Ist z. B. der Ehebruch oder Vertrauenbruch des einen Partners dadurch ausgeglichen, dass der andere Partner das gleich tut? Oder wiegt bewusster, absichtlicher Ehebruch oder Vertrauensbruch schwerer als unabsichtlicher? Oft ist es so, dass der eine empfindet „Jetzt ist es ausgeglichen.“ Der andere denkt: „Das reicht noch lange nicht.“ und fühlt sich benachteiligt.

– Oft beeinflusst noch eine dritte Partei das Geschehen.

Aktuelles Beispiel: Deutschland – England.

1966: England bekommt in einem Spiel ein Tor anerkannt, das keines war. Spannend. England ging damit 3:2 in Führung und gewinnt durch einen weiteren Treffer in den letzten Sekunden als sich schon Zuschauer auf dem Spielfeld befanden, die Weltmeisterschaft. Die Deutschen sehen sich im Unrecht. Und wünschen sich Ausgleich.

2010: Im Spiel Deutschland England wird ein Treffer der Engländer, der eindeutig die Linie überschritten hat, vom Schiedsrichter nicht anerkannt. Die Deutschen behalten die Führung. Schießen noch zwei weitere Tore, sind eine Station weiter auf dem Weg zum Titel.

Unterschiedliche Sichtweisen

Zum Wembley – Tor
Die deutsche Perspektive: Es war kein Tor.
http://www.youtube.com/watch?v=DYixmHvnN0s&feature=related
Und die Englische: Es war ein Tor

Die deutsche Sichtweise zum nicht anerkannten Tor 2010
– Das war ein klarer Schiedsrichter-Fehler. Aber der hat keinen Unterschied gemacht. Wir hätten auch dann gewonnen, wenn er das Tor anerkannt hätte, waren die eindeutig bessere Mannschaft.
Die Sichtweise des englischen Trainers und mancher, keineswegs aller Engländer:
– Der Schiedsrichter-Fehler hat das Spiel entscheidend geprägt. Hätte er das Tor anerkannt, wäre das Spiel womöglich anders geendet.

Ausgleich

– Manche Deutsche sehen in dem Tor den „Ausgleich für Wembley“. Sie sagen, nun hätten sie Ausgleich, Genugtuung, Rache für das damalige Unrecht erhalten.  Andere empfinden, dass eine Fehlentscheidung, die keine Auswirkungen auf das Ergebnis hatte, kein ausreichender Ausgleich für den möglicherweise entgangenen WM Titel 1966 ist.

– Manche Engländer könnten argumentieren, dass ein eindeutiges Tor nicht anzuerkennen weit schlimmer ist, als ein zweifelhaftes Tor anzuerkennen.

Die dritte Partei

Der sowjetische Linienrichter von 1966 antwortete kurz vor seinem Tod auf die Frage, wieso er dies als Tor gewertet habe, obwohl er doch gesehen haben müsste, dass es keines war, mit einem einzigen Wort: „Stalingrad“ Auch da war offensichtlich noch eine Rechnung offen.

Stehen uns nun weitere 40 Jahre Suche nach dem Ausgleich bevor?

Der Verzicht auf Ausgleich

Ob man beim Fußball vergeben kann, weiß ich nicht. In privaten Situationen hingegen hilft es mir, anzuerkennen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt und oft dritte Parteien die Situation beeinflussen. Mich entlastet der Gedanke, dass  perfekter Ausgleich nicht möglich ist. Wenn es nicht ohnehin möglich ist, zu perfektem Ausgleich zu kommen, kann ich – aus freien Stücken – auch darauf verzichten. Weil es mich aus dem aussichtslosen Kampf um Ausgleich führt und ich Ausgleich nicht (immer) brauche, um mein Leben weiter gut zu leben, Manche Menschen nennen diesen Verzicht auf Ausgleich auch „Vergebung.“


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Ost und West und Handeln

Der Städtetrip nach Krakau hat sich gelohnt. Eine Welt, die ich kaum kannte. Ich habe durch Begegnungen, Ausstellungen und Stadtführern die vielfältigen Brüche in der Geschichte Polens verstanden. Es ist krass, wie oft und wie lange dieses Volk fremdbestimmt und von anderen Mächten beherrscht war.
Die Geschichte der Juden Krakaus ist erschütternd. Im Mittelalter hieß es: „Polen ist die Hölle für Bauern, der Himmel für Adlelige, das Paradies für Juden.“ Das hat sich in der Besatzungszeit von 1939 – 1945 drastisch geändert, vor allem 1942. Mehr als 50% aller polnischen Holocaust-Opfer wurden von März 1942 – Februar 1943 ermordet.
Manches habe ich erst vor Ort so richtig begriffen – etwa, was es konkret heißt, in einem Ghetto leben zu müssen. 17.000 Krakauer Juden wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und mussten sich in einem eigenen Judenbezirk ansiedeln. Der bestand aus 320 Häusern, in denen vorher etwa 3000 christliche Polen gelebt hatten. Also etwa 10 Personen pro Haus. Die Häuser waren klein, oft nur einstöckig (siehe Bild, die Dachgauben sind neu hinzugefügt). Die christlichen Polen wurden vertrieben, Juden einquartiert. Dort, wo vorher 10 Personen in einem Haus gewohnt hatten, wohnten nun 50 Menschen unter einem Dach. Jeder hatte 2qm zur Verfügung. Das hat für mich den Begriff „Ghetto“ mit viel klareren Bildern und Vorstellungen gefüllt, als ich sie bislang hatte.
Viele Menschen haben weggesehen. Andere haben den Juden der Stadt geholfen.
– Ein polnischer Junge, der 3 Laib Brot aus der Straßenbahn warf, die durchs Ghetto fuhr, um den notleidenden Menschen zu helfen.
– Ein polnischer Apotheker, der im Ghetto blieb, für die Juden Nachrichten und Geld schmuggelte und sie mit Haarfärbemittel versorgte, damit sie jünger wirkten und so – vielleicht – den Transporten nach Auschwitz entgehen konnten.
– Ein alter Herr, der als er sah, wie Juden, die zwangsweise Schnee räumen mussten und von Umstehenden mit Schnee und Eis beworfen wurden, mit einem Tablett mit Tee und Wodka nach draußen ging und es Ihnen mit den Worten anbot: „Meine Herrschaften, würden Sie mir die Ehre erweisen…“
Was führt dazu, dass die einen wegsehen…und die anderen sich von der Not bewegen lassen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen? Diese Frage habe ich aus Krakau mitgenommen.


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Pakistan – aktuell

Die Leute im Hunza Tal Pakistan sind immer noch verzweifelt, weil nach wie vor mehr Wasser in den künstlichen See zufließt als durch den kleinen Abfluss abfließt. Der größte Wasserzufluss ist üblicherweise im Juli zu erwarten. Das heißt, es könnte alles viel schlimmer werden. Noch mehr Familien könnten ihre Häuser und ihr Hab und Gut verlieren. Ich wünschte, ich könnte helfen.
Obwohl es gefährlich ist, haben sie jetzt selbst angefangen, den Abfluss zu erweitern. Insgesamt braucht es in diese Situation Weisheit und ein Wunder.


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Pakistan – Erdrutsch


Ich bin erleichtert: Es ist vor ein paar Tagen gelungen, einen Abfluss zu bauen. So kann das Wasser, des Hunza Flusses, das sich durch einen riesigen Erdrutsch Anfang des Jahres aufgestaut hatte, jetzt langsam abfließen. [Rechts: Vor ein paar Tagen. Links: Jetzt.] Der Wasserspiegel im „Stausee“ hat fast 120 Meter erreicht. Der See hat viele Dörfer überflutet.
Nun fließt das erste Wasser ab – immer noch weniger, als zufließt. [Nachtrag 11. 6: Jetzt fließt etwas mehr ab, der Seespiegel sinkt um ein paar Zentimeter pro Tag. Nachtrag 14.6.: Durch die Wärme und die Schneeschmelze steigt der Wasserspiegel wieder. Frust!]. Der Abfluss weitet sich langsam. Es ist mein Gebet, dass es zügig und sicher abfließen kann. Und auch, dass der Damm nicht unkontrolliert bricht und durch Flutwellen das Leben und die Existenz von Tausenden von Menschen zerstört.


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Erdrutsch in Pakistan

Erdrutsch im Hunza Tal, Pakistan, 2010Vor mehr als 20 Jahren hatte ich ein Promotionsangebot. Ich sollte die Auswirkungen, die der Bau des Karakorum Highways auf die Menschen im Hunza-Tal hatte, untersuchen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hätte das sogar gut bezahlt. Ich habe mich anders entschieden.
Dennoch ist ein Stück meines Herzens dort geblieben. Bei den Menschen, die ich nicht kennen gelernt habe, aber die Teil meines Lebens hätten sein können. Deshalb bewegt es mich jetzt besonders von dem Erdrutsch zu lesen, der – fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit – das Leben der Menschen dort bedroht.
Im Januar hat ein riesiger Erdrutsch – ein halber Berg kam runter – den Ablauf eines Flusses blockiert. Der natürliche Damm hat zum Rückstau des Schmelzwassers geführt, das dort normalerweise abfließt. Es bildete sich ein riesiger, mittlerweile 13 Kilometer langer See. Das Wasser kann nirgendwo hin, überflutet in dem engen Tal Häuser, Gärten, Brücken, den Karakorum Highway. Menschen verlieren ihr Hab und Gut.
Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Falls der Damm bricht würde – was in den nächsten Wochen erwartet wird – wird eine bis zu 60 Meter hohe Flutwelle erwartet. Ich mache mir große Sorgen um die Menschen in der Region. Ich bete dafür, dass die Maßnahmen, das Wasser kontrolliert abfließen zu lassen, gelingen.


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