Kerstin Pur

Impulse und Notizen von Kerstin Hack

Schlagwort: Politik

Berichterstattung über Tragödien

Letzte Woche sah ich auf Ted einen bewegenden Kurzvortrag. Eine Frau, etwas jünger als ich, berichtete davon, wie sie sich als 22-jährige junge Psychologin in ihrer ersten Stelle direkt nach dem Studium in ihren verheirateten Chef verliebte, der eine einflussreiche Position innehatte und mit ihm eine Affäre begann. Sie erzählte einer vermeintlichen Freundin am Telefon davon. Die schnitt die Gespräche heimlich mit, spiele sie in die Hände der Presse. Eine mediale Hetzjagt begann. Menschen beschimpften sie auf der Strasse, Arbeitgeber wollten sie nicht einstellen, weil sie um ihren guten Ruf fürchteten, die Telefonmittschnitte landeten im Internet, wo sie bis heute jeder anhören kann. Ihr Leben war runiniert.

Der Name ihres Chefs: Bill Clinton. Ihr Name: Monica Lewinsky. Monica sprach in dem Vortrag davon, dass sie die ganze Affäre von damals bedauert – aber fragt auch: „Wer hat mit 22 keine Fehler gemacht, die er später bereut?“ Aber sie kritisierte massiv, wie die Medien aus Profitgier immer mehr Privates in die Öffentlichkeit ziehen. Und wie wir alle das unterstützen. Jeder Klick auf eine Seite, die Privates öffentlich macht, bedeueted Geld. Mehr Werbeeinnahmen. Mehr Cash.

Sie rief zu Enthaltsamkeit auf. Solche Nachrichten nicht zu konsumieren. Und sie rief zu Ermutigung auf. Da, wo Menschen online fertig gemacht werden, Worte der Ehre, Wertschätzung und der Liebe auszusprechen.

Am Tag, nachdem ich ihren Vortrag gehört habe, starben 150 Menschen bei einem Flugzeugabsturz in den Alpen. Es ist das Schicksal anderer Menschen, über das ich keine Details wissen muss. Ich habe mich entschieden, so wenig wie möglich darüber wissen zu wollen, mich der Sensationssucht zu entziehen. Nicht einfach bei der medialen Überflutung, wo jeder seine Meinung über den Piloten, seine Motive, Verschwörungstheorien, Meinungen und offizielle Stellungnahmen von sich gibt – egal ob er nun wirklich Substantielles zu sagen hat oder nicht. Wo selbst in Artztpraxen in Endlosschleifen die Berichterstattung läuft. Aber ich will nicht mit meinen Klicks die Sensationsmaschine am Laufen halten.

002Am Tag danach eine ganz andere Tragödie. Ein enger Freund von mir, Matthias Beyer, hat ein Aneyrisma (eine Aterienvergrößerung) entwickelt und musste notoperiert werden. Auch über diese Tragödie wurde informiert. Aber ganz anders. Nicht aus Sensationslust, sondern um die Menschen zu informieren, denen Matthias am Herzen liegt. Es tat – in der weiten Entfernung – so gut, alle paar Stunden nachlesen zu können, wie es ihm gerade geht.

Und es half, um um gemeinsam zu tun, was man in so einer Tragödie tun kann: Beten, einstehen, geben. Hunderte von Menschen schlossen sich dem Gebet an. Ein Hilfsfond wurde für die Familie eingerichtet, um die Krankenhauskosten und den Verdienstausfall abzudecken – bisher haben sich fast 200 Menschen daran beteiligt, um wenigstens praktisch zu helfen – echte Solidarität.

Als gestern die schlimmste aller Nachrichten kam – dass seine Gehirnfuktionen ausgesetzt haben – war auch das feinfühlig: „Wir haben die Grenzen des Menschen möglichen erreicht. Das Gehirn von Matthias funktioniert nicht mehr. … Wir haben mit diesem Post gewartet, bis wir die Familie informiert haben…“

Ich kann nur weinen… und – wider alles menschlich Denkbare – hoffen, dass das noch nicht das letzte Wort ist. In der Sitaution, auf der anderen Seite des Atlantik zu sein, wenn ein ganz wertvoller Mensch um sein Leben kämpft, hat es mich getröstet und gestärkt, gut und sensibel, realisitsch und zugleich hoffnungsvoll informiert zu werden.

Sensible, feinfühlige Berichterstattung, mit dem Ziel, miteinander Leid zu tragen und zu helfen – so geht es auch.

 

Noonsong – a Lestival of nine Lessons and Carols

Unter diesem Titel hat der Berliner Noonsong letzten Samstag eine bewegende Stunde gestaltet. Gemeindeglieder, Pfarrer, Lokal- und Bundespolitiker lasen Bibeltexte. Von Schöpfung und Sündenfall bis Weihnachten – die Geschichte der Menschheit von der Trennung von Gott bis zur Geburt des Erlösers in ausgewählten, eindrücklichen Texten.

Dazwischen traumhaft schön gesungene mehrstimmige Kompositionen von Renaissance bis 2010 – zwei Welturaufführungen. Kirche, Politik und Kunst, verkünden gemeinsam die Botschaft der Hoffnung. Eindrücklich und bewegend.

Auf der Website von  Noonsong könnt ihr reinhören und euch auch inspirieren lassen.

Love Parade – man geht über Leichen

Die Geschehnisse auf der Love Parade in Duisburg treffen mich tief. 19 junge Menschen, die nicht mehr leben. Hunderte Verletzte.

Mich hat diese Veranstaltung schon, als sie noch in Berlin stattfand, sehr beschäftigt. Die genauen Zahlen weiß niemand, aber es hieß, dass etwa ein Drittel aller Teilnehmer Ectasy und andere Drogen nahm – viele zum ersten Mal. Love Parade als Drogeneinstieg. Von den „weichen“, flüssigen, alkoholischen Drogen ganz zu schweigen.

Ich werde die Bilder nie vergessen, als ich einmal spät Nachts über die Berliner Love Parade „Festmeile“ lief. Da lagen Pärchen auf dem Bürgersteig aufeinander und schliefen miteinander (oder waren nahe dran – so genau hab ich nicht hingesehen). Auf zerdrückten Plastikbechern, neben Mülltonnen.  Ein paar Meter weiter und auf den Bahnhöfen behandelten Sanitäter Leute, die zusammengebrochen waren.  Wegen Wassermangel, Alkohol, Drogen…oder allem zusammen.

Probieren was geht – junge Menschen wollen Grenzen austesten und sprengen. Das gehört zum Jungsein dazu.  Verantwortliche haben die Aufgabe, hier schützend Grenzen zu ziehen.  Doch das ist auch in der Vergangenheit kaum geschehen. Dass Menschen bei der Love Parade(oft erstmals)  Drogen nehmen und Gesundheitsschäden davon tragen wurde von den Veranstaltern und den politisch Verantwortlichen schon immer billigend in Kauf genommen. Der finanzielle Nutzen und der Image war offensichtlich wichtiger als der Schutz der jungen Menschen – auch vor sich selbst.  Dass es nun auch zu Todesfällen kam war  – neben offensichtlichen Planungsfehlern – nur die Konsequenz einer Haltung, die um des eigenen Vorteils willen, auf den Schutz anderer verzichtet.

Ich habe geweint, als ich von den Geschehnissen gelesen habe. Ich trauere um die Menschen, die ihr Leben nicht weiter leben können und die Familien und Freunde, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Das was geschehen ist, macht mich tief traurig. Aber überrascht hat es mich nicht.


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Worauf man Einfluss hat

Die Post stellt fest: Es werden weniger Briefe ausgeliefert als früher. Waren es im Dezember 2005 noch 21,5 Milliarden Briefe, sank die Zahl bis Dezember 2009 auf 20,7 Milliarden. Das trotz aller Werbesendungen und Rechnungen, die täglich aus den Briefkästen quellen. Der Grund. Menschen kommunizieren heute mehr online. Das spart Zeit und manchmal auch Papier.

Das Lustige: Der Konzernchef hat sich(laut Bundesnetzagentur vorgenommen, den Trend aufzuhalten. Er will „jeden Stein im Konzern umdrehen“, um den Rückgang zu stoppen. Das ist in meinen Augen ähnlich aussichtsreich wie der Versuch, sich gegen Ebbe und Flut zu stellen. Trends kommen und gehen. Man kann auf den Wellen mitschwimmen. Sie zu beeinflussen dürfte – zumindest bei großen internationalen Trends auch für einen großen Konzern wie die Post kaum möglich sein.

Für mich selbst wünsche ich mir, dass ich immer klarer und besser unterscheiden kann, womit ich es zu tun habe. Mit Dingen, die ich aktiv beeinflussen kann oder mit Wellen und Trends, die jenseits meines Einflussbereiches stehen. Und entweder aktiv werde. Oder gelassen auf den Wellen surfe.

Die Getränke-Hersteller alkoholischer Getränke scheinen da um einiges schlauer zu sein. Sie haben offensichtlich verstanden, dass sie die Tendenz zum Homing (zu Hause am Computer rumhängen statt rauszugehen) nicht aufhalten können. Also bemühen sie sich offensichtlich, die dadurch sinkenden Umsätze offensichtlich dadurch auszugleichen, dass sie Getränke für spezielle Zielgruppen entwickelt z. B. alkoholische Getränke, die besonders junge Mädchen ansprechen. Die dann zu viel trinken. Und krank davon werden. Im Jahr 2009 gab es 28.000 Einlieferngen ins Krankenhaus wegen Koma-Trinken (Jungs und Mädchen). Die Kids haben natürlich eine eigene Verantwortung. Aber die Getränkeindustrie scheint derartige Vorfälle zumindest billigend in Kauf zu nehmen. Hauptsache der Umsatz stimmt.


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Ost und West und Handeln

Der Städtetrip nach Krakau hat sich gelohnt. Eine Welt, die ich kaum kannte. Ich habe durch Begegnungen, Ausstellungen und Stadtführern die vielfältigen Brüche in der Geschichte Polens verstanden. Es ist krass, wie oft und wie lange dieses Volk fremdbestimmt und von anderen Mächten beherrscht war.
Die Geschichte der Juden Krakaus ist erschütternd. Im Mittelalter hieß es: „Polen ist die Hölle für Bauern, der Himmel für Adlelige, das Paradies für Juden.“ Das hat sich in der Besatzungszeit von 1939 – 1945 drastisch geändert, vor allem 1942. Mehr als 50% aller polnischen Holocaust-Opfer wurden von März 1942 – Februar 1943 ermordet.
Manches habe ich erst vor Ort so richtig begriffen – etwa, was es konkret heißt, in einem Ghetto leben zu müssen. 17.000 Krakauer Juden wurden aus ihren Wohnungen vertrieben und mussten sich in einem eigenen Judenbezirk ansiedeln. Der bestand aus 320 Häusern, in denen vorher etwa 3000 christliche Polen gelebt hatten. Also etwa 10 Personen pro Haus. Die Häuser waren klein, oft nur einstöckig (siehe Bild, die Dachgauben sind neu hinzugefügt). Die christlichen Polen wurden vertrieben, Juden einquartiert. Dort, wo vorher 10 Personen in einem Haus gewohnt hatten, wohnten nun 50 Menschen unter einem Dach. Jeder hatte 2qm zur Verfügung. Das hat für mich den Begriff „Ghetto“ mit viel klareren Bildern und Vorstellungen gefüllt, als ich sie bislang hatte.
Viele Menschen haben weggesehen. Andere haben den Juden der Stadt geholfen.
– Ein polnischer Junge, der 3 Laib Brot aus der Straßenbahn warf, die durchs Ghetto fuhr, um den notleidenden Menschen zu helfen.
– Ein polnischer Apotheker, der im Ghetto blieb, für die Juden Nachrichten und Geld schmuggelte und sie mit Haarfärbemittel versorgte, damit sie jünger wirkten und so – vielleicht – den Transporten nach Auschwitz entgehen konnten.
– Ein alter Herr, der als er sah, wie Juden, die zwangsweise Schnee räumen mussten und von Umstehenden mit Schnee und Eis beworfen wurden, mit einem Tablett mit Tee und Wodka nach draußen ging und es Ihnen mit den Worten anbot: „Meine Herrschaften, würden Sie mir die Ehre erweisen…“
Was führt dazu, dass die einen wegsehen…und die anderen sich von der Not bewegen lassen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen? Diese Frage habe ich aus Krakau mitgenommen.


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Pakistan – Erdrutsch


Ich bin erleichtert: Es ist vor ein paar Tagen gelungen, einen Abfluss zu bauen. So kann das Wasser, des Hunza Flusses, das sich durch einen riesigen Erdrutsch Anfang des Jahres aufgestaut hatte, jetzt langsam abfließen. [Rechts: Vor ein paar Tagen. Links: Jetzt.] Der Wasserspiegel im „Stausee“ hat fast 120 Meter erreicht. Der See hat viele Dörfer überflutet.
Nun fließt das erste Wasser ab – immer noch weniger, als zufließt. [Nachtrag 11. 6: Jetzt fließt etwas mehr ab, der Seespiegel sinkt um ein paar Zentimeter pro Tag. Nachtrag 14.6.: Durch die Wärme und die Schneeschmelze steigt der Wasserspiegel wieder. Frust!]. Der Abfluss weitet sich langsam. Es ist mein Gebet, dass es zügig und sicher abfließen kann. Und auch, dass der Damm nicht unkontrolliert bricht und durch Flutwellen das Leben und die Existenz von Tausenden von Menschen zerstört.


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Erdrutsch in Pakistan

Erdrutsch im Hunza Tal, Pakistan, 2010Vor mehr als 20 Jahren hatte ich ein Promotionsangebot. Ich sollte die Auswirkungen, die der Bau des Karakorum Highways auf die Menschen im Hunza-Tal hatte, untersuchen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hätte das sogar gut bezahlt. Ich habe mich anders entschieden.
Dennoch ist ein Stück meines Herzens dort geblieben. Bei den Menschen, die ich nicht kennen gelernt habe, aber die Teil meines Lebens hätten sein können. Deshalb bewegt es mich jetzt besonders von dem Erdrutsch zu lesen, der – fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit – das Leben der Menschen dort bedroht.
Im Januar hat ein riesiger Erdrutsch – ein halber Berg kam runter – den Ablauf eines Flusses blockiert. Der natürliche Damm hat zum Rückstau des Schmelzwassers geführt, das dort normalerweise abfließt. Es bildete sich ein riesiger, mittlerweile 13 Kilometer langer See. Das Wasser kann nirgendwo hin, überflutet in dem engen Tal Häuser, Gärten, Brücken, den Karakorum Highway. Menschen verlieren ihr Hab und Gut.
Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Falls der Damm bricht würde – was in den nächsten Wochen erwartet wird – wird eine bis zu 60 Meter hohe Flutwelle erwartet. Ich mache mir große Sorgen um die Menschen in der Region. Ich bete dafür, dass die Maßnahmen, das Wasser kontrolliert abfließen zu lassen, gelingen.


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Abschied vom Bundespräsidenten

Vor sechs Jahren gab es am Brandenburger Tor ein rauschendes Fest. Der Amtsantritt des neuen Bundespräsidenten Horst Köhler wurde gefeiert. Ich war dabei. 500 Karten für das Fest wurden an Bürger verlost. Ich gewann zwei davon und nahm mit einem Freund am Fest zur Amtseinführung teil.
Selbst die Sonne ließ es sich – nachdem es den ganzen Tag geregnet hatte – nicht nehmen, am Fest teilzunehmen und beleuchtete die Fassaden rund um den Pariser Platz in warmen Abendgelb.
Klassische und moderne Musik, kurze Reden, leckeres Essen – ein wunderbares Fest. Das silberne Blechdöschen, das vor jedem Platz stand und in dem kleine Blumen als Tischdeko steckten, ist mittlerweile verrostet. Aber die Erinnerung an den Abend ist noch sehr lebendig.
Gegen Ende des Abends ging ich noch einmal an die Bühne, um die Musiker aus der Nähe zu sehen – und stand genau im Weg, als Herr Köhler und seine Frau gingen. Wir wechselten ein paar Worte, er fragte mich, wer ich bin. Ich war so aufgeregt, dass ich nur stottern konnte (keine Ahnung, was davon er in Erinnerung behalten hat), aber ich habe ihm gesagt, dass viele Menschen sich freuen, dass er Bundespräsident geworden ist und dass viele für ihn beten.
Vielleicht zu wenige, um ihm den Rückhalt spüren zu lassen, den er angesichts massiver Kritik und des Bedürfnisses nach Wertschätzung gebraucht hätte. Ich finde es sehr traurig, dass er geht. Hätte ihn noch gern länger als mein Oberhaupt gehabt.


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Vertrauen

In einer Rede zur Ölkatastrophe sagte Obama kürzlich „We will trust, but we will verify.“ (Wir werden vertrauen, aber wir werden die Fakten auch verifizieren). Es sind ja oft die Nuancen, die zählen. Von daher finde ich den Unterschied zum deutschen „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ganz spannend.


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