Der vielleicht ungewöhnlichste Aspekt meines Schreibens an Das gute Leben war für viele, dass ich große Teile des Buches in Bewegung geschrieben habe – einige Kapitel passiv bewegt in der S-Bahn oder dem Zug. Und sehr viele in aktiver Bewegung auf dem Laufband.

Seit ich gelesen hatte, dass die Autoren-Kollegin Christine Carter langsam auf dem Laufband gehend ihre Bücher schreibt, hat mich die Idee begeistert.

Vorteil Nr. 1: Gehen ist gut für das Gehirn.

Ich bin ja ausgebildeter Wingwave Coach. Wingwave ist eine Methode, die seelische Blockaden mit Hilfe von bilateraler Hemisphären-Stimulation auflösen hilft. Hinter dem Begriff verbirgt sich nichts anderes als die schlichte Erkenntnis, dass der Mensch stressige Erlebnisse besser verarbeitet, wenn abwechselnd (bilateral) beide Gehirnhälften (Hemisphären) aktiviert (Stimulation) werden. Das setze ich im Coaching ein – mit teils dramatisch bewegenden Resultaten. 

Intuitiv wissen wir das: Nach einer Nacht Schlaf sieht die Welt schon ganz anders aus (in den REM Phasen werden beide Gehirnhälften aktiviert). Oder nach einem Spaziergang ist der Kopf viel klarer. Das hat nichts mit der schönen Natur zu tun, sondern tatsächlich mit der Bewegung. Wissenschaftler haben herausgefunden: Stress baut sich kaum ab, wenn man in einem Rollstuhl durch die Natur geschoben wird – sich also nicht bewegt. Gehen auf dem Laufband hatte einen ähnliche stark stressabbauenden Effekt wie das Laufen im Freien.

Insgesamt kann man sagen: Man kann beim Laufen kreativer und klarer denken und ist oft fokussierter. Kurz: Es ist gut für das Denken und das Gehirn. Das hat mich motiviert. 

Vorteil Nr. 2:  Sitzen ist schlecht, Gehen ist gut für den gesamten Körper

Gehen hat eine Vielzahl positiver Nebeneffekte den Körper. Vor einigen Wochen habe ich das Buch Sitzen ist fürn Arsch gelesen, dessen Titel den Inhalt recht drastisch zusammenfasst. Das viele Sitzen ist tatsächlich Gift für den Körper: Herz- und Kreislauf, Bewegungsapparat und Gehirn. Menschen die viel Sitzen, haben ein doppelt so hohes Risiko an einer Herz- Kreislauferkrankung zu erkranken wie Menschen, die keine sitzende Tätigkeit ausüben.

Nur was tun, wenn man von Beruf als Autorin, Verlegerin und Coach scheinbar gezwungen ist, viel zu sitzen. Zum einen übe ich mich gerade darin, in der U-Bahn stehend und auf dem Trampolin wippend zu lesen. Lesend durch die Landschaft zu gehen, wie das zu Spitzwegs Zeiten wohl üblich war, habe ich noch nicht ausprobiert.

Reines Stehen ist auch kaum besser. Deshalb war – nach einer Testphase mit improvisiertem Stehpult und Wackelbrett – klar: Das funktioniert. Ein Laufband muss her.

Meine Kriterien

  • Schmal (Die Fussbodenfläche in meinem Büro ist nur 2m breit, 1,50 m lang und zusammenklappbar
  • Mit schmalem Aufbau, so dass man eine Halterung für den Laptop befestigen kann
  • Preislich ok

Das fand ich dann online. Schön ist es nicht. Das wäre Kriterium Nr. 4 gewesen.

Tag 0:

Bootsbauer Helge entwirft einen Aufsatz, ich mache erste Geh- und Schreibversuche.

Tag 1:

Ich wiege mich und messe meinen Körper aus: Bauch, Taille, Hüfte, Oberschenkel, weil mich interessiert, ob sich selbst langsames Gehen auf Umfang und Gewicht auswirkt.

Ich stelle mir das Tempo auf die niedrigste Stufe und schreibe los. Ein ganzes Kapitel meines neuen Buches entsteht im Gehen. Das Laufband hat keine Speicherfunktion und schaltet nach 30 Min aus Sicherheitsgründen ab (ein Nachteil, wenn man mehrere Stunden schreiben will).  Deshalb kann ich nur schätzen: 1,2 Kilometer, die ich sonst nicht gelaufen wäre, ca. 100 Kalorien. Ok.

Als ich draußen an Deck Pause mache, bin ich erstaunt, wie gut mir das gelingt. Oft bin ich in Pausen hippelig und nervös, kann nicht still sitzen – vermutlich weil ich vorher schon lange gesessen bin. Ich bin gespannt, ob der Effekt anhält.

Nebenbei beantworte ich viele Fragen meiner Facebookfreunde:

Freund 1: Wie viel km/h ?? 😉

Kers Tin Hack: Aktuell 1,1 Stundenkilometer…. wenn es mehr Routine geworden ist, werde ich das Tempo erhöhen….
Was ich auch spannend finde – ich erlebe mich beim Schreiben auf dem Laufband als achtsamer als wenn ich am Schreibtisch sitze. Ich muss mich etwas mehr konzertrieren und tue es auch.

Freund 2: Du kannst echt tippen, während du läufst? Das ist erstaunlich. Can you really type while walking? That’s amazing.

Kers Tin Hack: In a book Christine Carter mentioned that she did that. I had been looking for ways to reduce sitting – which is hard when you are a writer and coach and had started to write standing while on a wabbly plate… and writing at slow speed walking works quite well.

Freund 2: That might be something for me to try too.

Kers Tin Hack: Two pages = 0,6 km and 49 calories…

Freundin 2: Du verhaust dich nicht mit den Tasten? Bemerkenswert

Kers Tin Hack: Ich erlebe mich sogar fokussierter als sonst… ist echt spannend,….

Freund 3: You got one!

Freundin 4: Und das Gerät ist erstaunlich klein im Vergleich zu den Oschis im Studio ????????

Kers Tin Hack:  Ich hab 4 Monate gesucht, bis ich eins gefunden habe, das klein ist, LAAAAANGSAM laufen kann und bezahlbar ist. Das mag ich. Superleise ist es nicht, aber ich hör halt nebenbei ruhige WingwaveMusik. Auch ok.

Freundin 5: Geht das?? Ich hatte Probleme beides zur gleichen Zeit zu tun!!

Kers Tin Hack:  Es ist erstaunlich leicht. Du kannst ja auch vieles gleichzeitig: Kochen + reden, stricken + fernsehen usw. Früher gingen die Leute LESEND spazieren… Man kann nicht gleichzeigit zwei Denk-Sachen (Rechnen und Text schreiben) machen, aber eine körperliche Routinesache + denken/schreiben, das geht.

Tag 2:

Ich erhöhe das Tempo auf 1,5 Stundenkilometer. Das lässt sich noch locker laufen. Es macht so viel Spass, dass ich statt einem Kapitel gleich eineinhalb schreibe. Und nur aufhöre, weil das Lauband stoppt und mich andere Aufgaben rufen. Ich höre nebenbei Wingwave-Musik, um die Geräusche des Laufbandes zu übertönen.

Beim Laufen stoßen meine Oberschenkel innen aneinander. Ich frage mich, ob das wohl im Lauf der Zeit besser wird.

Tag 3:

Ich wache morgens mit müden Beinen auf.  Kein Muskelkater, aber müde, schwere Beine. Auch wenn es noch nur zwei oder drei Kilomenter waren – mein Körper ist das noch nicht gewöhnt.

Wegen einer Verletzung an der Halswirbelsäule habe ich jede Woche einen Physiotherapie. Der Therapeut sieht mich zu Beginn an und sagt: „Hast du abgenommen?“ Und „Du wirkst irgendwie körperlich dynamischer als sonst!“  Sind das erste Auswirkungen der Laufbandstrategie?

Nachmittags noch mal ein Kapitel Buch und ca. 3 Kilometer – tut gut!

Tag 4:

Ich muss viel verschiedenen Kleinkram erledigen. Zwischen verschiedenen Fenstern zu wechseln, das geht am Laufband noch nicht so gut.  Der Vorteil daran: Wenn ich an Texten arbeite, bleibe ich fokussierter, weil die Versuchung „schnell mal wo zu schauen“ geringer ist. Ich erlebe mich als fokussierter als sonst.

Insgesamt fühle ich mich energievoller und bewegungsfreudiger. Am Abend benutze ich voller Freude einen riesigen Haufen Reisig als „Bio-Trampolin“, den ich durch beherztes Hüpfen auf die Hälfte des Volumens verkleinere.

Eine Freundin, die das Schreib-Laufband ausprobiert, tippt schon auf den ersten 100 Metern bei 2.5 km Geschwindigkeit, fehlerfrei. Streberin!

Tag 5:

Ich steigere auf 2 km oder mehr. Bei 25 Grad wird mir dabei gut warm. Ich spüre die Bewegung der Muskeln. Leider kann ich das Laufband nicht lange benutzen, weil der Konstrukteur noch einige Verbesserungen anbringen will: Eine Halterung für mein Handy, eine Rille, die den Laptop vom Abrutschen schützt.

Ich sitze also fast den ganzen Tag am Schreibtisch. Und frage mich, wie in aller Welt ich das früher ausgehalten habe. Mein Rücken fühlt sich nicht gut an, ich habe mit Konzentrationsproblemen zu kämpfen. Boah, fühlt sich das schlecht an.

Woche 2

An den meisten Tagen schreibe ich 1 – 3 Stunden bei nun 2,5 bis 3,5 Stundenkilometern. Das schnellere Tempo ist – da das Laufband leicht bergauf steht, dann doch etwas anstrengend. 2,5 erlebe ich als entspannend. Ich entdecke, dass es mir leichter fällt, beim Thema zu bleiben und mich weniger ablenken zu lassen. Sitze ich beim Verfassen von Texten am Schreibtisch, passiert es mir relativ häufig, dass ich mit einem Text nicht weiterkomme. Dann einfach nur sitzenzubleiben, bis mir der nächste Gedanke einfällt, ist sterbenslangweilig. In solchen Momenten ist die Gefahr sehr groß, dass ich mich selbst aus der unangenehmen Situation befreie, nicht weiter zu wissen, indem ich „mal schnell“ auf andere Internet-Seiten gehe – und dann häufig hängenbleibe und sehr lange brauche, bis ich den Faden wieder finde.

Am Laufband passiert mir das fast gar nicht. Wenn ich nicht weiter weiß, gehe ich einfach weiter. Ich lasse den Blick nach draußen schweifen und laufe einfach weiter. Oft fällt mir dann schon nach einigen wenigen Schritten der nächste Satz ein.

Woche 3

Eine Woche fast ohne Laufband-Schreiben liegt hinter mir.  Ein Tagescoaching, zwei Tage Teamworkshop, zwei Tage Weiterbildung und ein kaputter Laptop, der zum Doktor musste. Das lag nicht am Laufband, sondern an einem dummen Virus, den er sich eingefangen hatte. Nach nur einer Woche ohne täglisches Laufen und Schreiben spüre ich die Auswirkungen – auf der Waage (das verschwundene Kilo ist zurückgekehrt), bei der Verdauung und in meiner allgemeinen körperlichen Verfassung: Ich schlafe schlechter, fühle mich müde und matt. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das so krass auswirkt.

Woche 4

Die Berliner Kreativen trifft man in den einschlägigen Szenelokalen oder bei Modulor, einem Laden für Architektur- und Kunstbedarf, wo man von Farben über Papiere, Schablonen und Rahmen alles findet, was das kreative Herz begehrt. Dort laufe ich der Fotografin Debora Ruppert über den Weg. Sie begrüsst mich mit den Worten: Ich habe dir eben geschrieben. Du hast mich inspiriert.

Dann erzählt sie mir, dass sie schon lange mit dem Gedanken gespielt hat, sich einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu kaufen und das – inspiriert durch mich – jetzt kombiniert mit einem Laufband in die Tat umgesetzt hat. Und damit glücklich ist.

Wir tauschen unsere Erfahrungen aus.  Die sind sehr ähnlich. Wenn wir in der Vergangenheit beim Sitzen am Schreitisch in eine Gedankeblockade kamen, gingen wir entweder vom Schreibtisch weg oder sprangen zu einer Internet-Seite. Jetzt laufen wir einfach ein paar Schritte weiter und – schwups – ist die Blockade weg und es kommen neue Gedanken.

Später finde ich ihren Text im Handy (ich bin mit dem guten Stück nicht verwachsen, schaue nur alle paar Stunden mal drauf):

Ich wollte Dir noch sagen, dass der Besuch bei Dir auf dem Schiff mich inspiriert hat. Ich hatte schon länger überlegt mir einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu besorgen & der Besuch bei Dir war dann mit ausschlaggebend. Ich habe mir das Gestell für einen höhenverstellbaren Schreibtisch besorgt & ein Laufband darunter gestellt. Ich merke, dass ich viel effektiver arbeite & kreativer bin. Die Verknüpfung rechte & linke Gehirnhälfte lässt grüßen. Merci für Inspiration

 

Als das Buch fertig war, habe ich damit begonnen, auch viele meiner „normalen“ Schreibzeiten aufs Laufband zu verlegen – an Tagen, wo ich am „normalen“ Computer sitzen muss, weil z.B. Buchführung zu erledigen ist, bin ich am Abend oft erschöpft. An Tagen, an denen ich einige Kilometer bei aktuell 2,4 Kilometer pro Stunde schreibend laufe, habe ich am Ende des Tages noch Energie. Und finde es wunderbar.