KöpfeDas Wunderbar an Solidarität ist, dass man sie manchmal bekommt – auch von ganz unerwarteter Stelle.

Das Dumme an Solidarität ist, dass man dann, wenn man sie erlebt, sie oft auch bitter nötig hat.

Die letzten Wochen waren für mich ziemlich hart. Es ist viel „Kleinscheiß“ passiert. Meine nette Nachbarin hat mir ihr Auto geliehen, um Sachen zum Schiff zu transportieren. Beim Beladen ist eine Abdeckung und ein Hebel etwas an ihrem Auto kaputt gegangen. Meine Haftpflichtversicherung weigert sich, den Schaden zu übernehmen. Kein Kleinscheiß, auch wenn ich noch nicht genau weiß, was das kostet. Dann leckte meine Badewannenabfluss und verursachte beim Nachbarn unter mir einen Wasserschaden. Dann ging die Mischbatterie am Badezimmerwaschbecken kaputt. Als die repariert war platzte der Duschschlauch und das Scharnier war so fest, dass mir die Kraft fehlte, es zu lösen. Einen Tag nachdem das wieder repariert war, ging der Spülkasten kaputt. Alles innerhalb von kurzer Zeit. Teuer. Nervig. Zeitraubend. Anstrengend.

Doch das Schlimmste ist, dass ich gerade im Rechtsstreit mit einer Fotografin stehe.

Für unseren Benefizkalender 2014 und einen für Werbezwecke erstellten Gratis-Desktophintergrund habe ich ein Foto von einer Bildagentur verwendet. Mein Grafiker hat wie üblich die Lizenzen dafür erworben, den Kalender und das Download mit Urheberrechtshinweisen versehen. Alles bestens. Dachte ich.

Im April habe ich eine Klage vom Anwalt der Fotografin bekommen, mit dem Vorwurf der Urheberrechtsverletzung und der Lizenzverletzung. Von mir geforderte Summe für den Schaden gut 1700 Euro plus 805 Euro Rechtsanwaltsgebühren. Steile Sache für ein Bild für das die Lizenz 12 Euro kostete. Ich versuchte, das mit der Fotografin direkt zu klären, doch das scheiterte. Am Ende konnte ich mit einem eigenen Anwalt und auch mit Hilfe der Rechtsabteilung der Agentur bei der die Lizenz erworben wurde, belegen, dass weder Urheberrechtsverletzung noch eine Lizenzverletzung vorliegt. Nach deutschem Recht muss dann die Gegenseite die angefallen Kosten zahlen.

Das kleine Problem. Die Gegenseite akzeptiert das nicht. Und kämpft mit allen Mitteln weiter.

Nur zwei von vielen Beispielen:

Abgeschnittene Beweisfotos: Die Fotografin hat sich – das rechne ich ihr hoch an – per Mail bei mir entschuldigt, dass sie unachtsam war und den vorhandenen Urhebernachweis übersehen hat. Dennoch legt ihr Anwalt legt als „Beweis“ dafür, dass der Urhebernachweis fehlt dem Gericht einen Ausdruck des bei, Merkwürdigerweise ist das  Bild ausgerechnet am linken Rand um ca. 1 cm abgeschnitten ist – dort wo der Urhebernachweis stand. Zum Glück war das so dilettantisch gemacht, dass man die abgeschnitten Schrift noch erkennen kann, wenn man genau hinsieht. Heftig ist sso ein Vorgehen es trotzdem.

Spannendes Argumentation: Der Anwalt wirft mir vor, dadurch eine Urheberrechtsverletzung begeangen zu haben, dass ich die Fotografin nicht im Impressum unserer Internet-Seite nenne. Als „Beweis“ legen sie einen Ausdruck meines Impressums vom 10. Oktober bei. Da wir seit Mai einen neuen Kalender im Shop haben ist das Bild natürlich längst nicht mehr auf unserer Seite. Also werfen mir vor, ein Bild nicht im Impressum zu erwähnen, dass es auf unserer Seite gar nicht mehr gibt. Interessant.

Das Ganze ist emotional wie praktisch sehr stressig. Ich habe bisher schon eine Arbeitswoche in diese dumme Auseinandersetzung gesteckt – meine Zeit würde ich lieber für was anderes verwenden. Die Gegenseite bestreitet alles: Dass ich die Anwältin beauftragt, mit ihr gesprochen, sie und Mitarbeiter, die ich mit Recherche beauftragt habe, bezahlt habe. Ich muss für alles Belege ranschaffen.

Zugleich macht es mich fertig, dass Menschen so gegen mich agieren. Klar handeln sie für sich und ihre Interessen, aber doch sind die Auswirkungen schädigend gegen mich. Gestern – als ich mich intensiv damit beschäftigt habe – hat mich das sehr angespannt. Heute war ich immer noch super angspannt und fertig. Ich hab am Morgen erst mal gebetet und dann überlegt und notiert, was mir für den Prozess, der am nächsten Freitag stattfindet, wichtig ist um innerlich Klarheit zu gewinnen. Das half etwas.

Ich merkte, dass es mir einfach nicht gelang, aus der Anspannung wieder herauszukommen. Dieses Gefühl, wenn man gern weinen möchte, aber nicht kann. Ich weiß, dass ich, wenn es mir so geht – zum Glück sehr selten – einen empathischen Menschen brauche, der mir durch seine Resonanz hilft, meine eigenen Gefühle wahrzunehmen. Ich schreib einer Freundin, die das super gut kann, eine SMS und fragte, ob sie Zeit für ein Gespräch hätte, bekam aber keine Antwort.

Dann leitete mir eine Mitarbeiterin eine warme Mail einer Kundin weiter, in der stand: „Ihr macht eine klasse Arbeit, solches Material zu verlegen, alle Achtung!“

Die warmen Worte brachen den Damm – plötzlich konnte ich weinen und all den Schmerz darüber, so behandelt zu werden, rauslassen. Das tat richtig gut.

2014-10-31 19.17.31Im Lauf des Tages und schon vorher habe ich einiges an richtig toller Solidarität erlebt:

  • Eine Freundin fragte, ob mir ein Kredit helfen würde, die vielen Reparaturen zu zahlen.
  • Eine andere Freundin, die einen Mailverteiler mit 5000 Adressen hat, erwähnte meine Situation in einer Mail und bat ihre Leser für mich und die Situation zu beten.
  • Der Bootsbauer, der mir am Schiff hilft, besorgte im Baumarkt einen neuen Spülkasten – leider passen die Anschlüsse nicht – und kam zu mir, um ihn zu montieren.
  • Eine Anwältin (nicht die, die den Prozess betreut, sondern eine andere), der ich geschrieben habe, dass ich unsicher bin, wie man sich vor Gericht verhält, hat mir eine drei Seiten lange Mail mit den wichtigsten Punkten geschrieben. Die ist so klasse, dass man sie – natürlich ohne den Bezug auf den Fall – fast als Leitfaden veröffentlichen könnte.
  • Ein Punk, hat mich heute gefragt, wie es mir geht. Als ich ihm kurz von dem Prozess erzählte, fragte er:  „Hast du die Adresse von dem Anwalt? Hast du dir schon mal überlegt, da mal hinzugehen? Und als ich verneinte ergänzte er: „Ich kenne da ein paar Leute für die groben Sachen!“ Ich hab ihm dann gesagt, dass ich Konflikte doch eher anders löse. Aber mich hat es trotzdem sehr berührt, dass er mir auf seine Art sagte: Du, ich lass dich da nicht allein, ich wäre bereit, dir zu helfen.

Und auf dem Nachhauseweg vom Schiff, dem ich heute etwas Rost entwendet und neue Farbe gespendet habe, traf ich eine Frau, die ab und zu am Schiff mitgeholfen hatte. Ihr ging es gerade nicht gut, weil sie viel Stress in ihrer Ausbildung hatte. In meinem Herzen war wieder Platz zum Zuhören, wir aßen eine Suppe zusammen – ich aß, sie sah zu – und ich konnte ihr ein Stück weiterhelfen.

Solidartität ist toll. Auch wenn ich auf die Probleme, die sie erforderlich machen, manchmal gern verzichten würde.