Derzeit schreibe ich ein Quadro zum Thema „Vergebung.“ Ein Kerngedanke ist, dass Menschen immer Ausgleich wünschen, wenn sie Ungerechtigkeit erlebt haben.

Das ist menschlich, natürlich und das Normalste, was man sich denken kann: Wenn einem etwas Ungerechtes widerfährt, will man Ausgleich für das erlittene Unrecht. Schadenersatz. Gerechtigkeit. Wiedergutmachung. Oder auch Rache. Rache ist nicht anderes als der Versuch, den Schmerz oder das Unrecht, das einem zugefügt wurde, wieder auszugleichen,  indem man einer anderen Person Schaden oder Unrecht zufügt.

Die paar kleinen Probleme

– Es gibt in jeder Situation mehrere unterschiedliche Sichtweisen. Meistens zwei. Mit Anwalt drei. Was für den einen schwerwiegend ist, ist für den anderen weniger tragisch. Da Menschen sich in ihrer Beurteilung unterscheiden, gibt es auch unterschiedliche Perspektiven ob und in welcher Höhe Ausgleich zu leisten ist.

– Es gibt auf dieser Welt keinen perfekten Maßstab für Ausgleich. Ist z. B. der Ehebruch oder Vertrauenbruch des einen Partners dadurch ausgeglichen, dass der andere Partner das gleich tut? Oder wiegt bewusster, absichtlicher Ehebruch oder Vertrauensbruch schwerer als unabsichtlicher? Oft ist es so, dass der eine empfindet „Jetzt ist es ausgeglichen.“ Der andere denkt: „Das reicht noch lange nicht.“ und fühlt sich benachteiligt.

– Oft beeinflusst noch eine dritte Partei das Geschehen.

Aktuelles Beispiel: Deutschland – England.

1966: England bekommt in einem Spiel ein Tor anerkannt, das keines war. Spannend. England ging damit 3:2 in Führung und gewinnt durch einen weiteren Treffer in den letzten Sekunden als sich schon Zuschauer auf dem Spielfeld befanden, die Weltmeisterschaft. Die Deutschen sehen sich im Unrecht. Und wünschen sich Ausgleich.

2010: Im Spiel Deutschland England wird ein Treffer der Engländer, der eindeutig die Linie überschritten hat, vom Schiedsrichter nicht anerkannt. Die Deutschen behalten die Führung. Schießen noch zwei weitere Tore, sind eine Station weiter auf dem Weg zum Titel.

Unterschiedliche Sichtweisen

Zum Wembley – Tor
Die deutsche Perspektive: Es war kein Tor.
http://www.youtube.com/watch?v=DYixmHvnN0s&feature=related
Und die Englische: Es war ein Tor

Die deutsche Sichtweise zum nicht anerkannten Tor 2010
– Das war ein klarer Schiedsrichter-Fehler. Aber der hat keinen Unterschied gemacht. Wir hätten auch dann gewonnen, wenn er das Tor anerkannt hätte, waren die eindeutig bessere Mannschaft.
Die Sichtweise des englischen Trainers und mancher, keineswegs aller Engländer:
– Der Schiedsrichter-Fehler hat das Spiel entscheidend geprägt. Hätte er das Tor anerkannt, wäre das Spiel womöglich anders geendet.

Ausgleich

– Manche Deutsche sehen in dem Tor den „Ausgleich für Wembley“. Sie sagen, nun hätten sie Ausgleich, Genugtuung, Rache für das damalige Unrecht erhalten.  Andere empfinden, dass eine Fehlentscheidung, die keine Auswirkungen auf das Ergebnis hatte, kein ausreichender Ausgleich für den möglicherweise entgangenen WM Titel 1966 ist.

– Manche Engländer könnten argumentieren, dass ein eindeutiges Tor nicht anzuerkennen weit schlimmer ist, als ein zweifelhaftes Tor anzuerkennen.

Die dritte Partei

Der sowjetische Linienrichter von 1966 antwortete kurz vor seinem Tod auf die Frage, wieso er dies als Tor gewertet habe, obwohl er doch gesehen haben müsste, dass es keines war, mit einem einzigen Wort: „Stalingrad“ Auch da war offensichtlich noch eine Rechnung offen.

Stehen uns nun weitere 40 Jahre Suche nach dem Ausgleich bevor?

Der Verzicht auf Ausgleich

Ob man beim Fußball vergeben kann, weiß ich nicht. In privaten Situationen hingegen hilft es mir, anzuerkennen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt und oft dritte Parteien die Situation beeinflussen. Mich entlastet der Gedanke, dass  perfekter Ausgleich nicht möglich ist. Wenn es nicht ohnehin möglich ist, zu perfektem Ausgleich zu kommen, kann ich – aus freien Stücken – auch darauf verzichten. Weil es mich aus dem aussichtslosen Kampf um Ausgleich führt und ich Ausgleich nicht (immer) brauche, um mein Leben weiter gut zu leben, Manche Menschen nennen diesen Verzicht auf Ausgleich auch „Vergebung.“


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