Rykestr. , Berlin, SynagogeIn einer Synagoge, in einem Verlagsmagazin, Online, in einem Buch – in dieser Woche ist mir – auf ganz unterschiedliche Weise ein Thema begegnet, das mich seit Jahren beschäftigt.

Benefizkonzert in der Synagoge in der Rykestrasse zu Gunsten der Gedenkstätte Yad Vashem. Mit einer Bekannten unterhalte ich mich über die prachtvolle Synagoge und andere, wie die Synagoge in der Oranienburger Straße, die einst wohl genauso prachtvoll waren.

Oranienburger Straße. Ich erzählte ihr von dem Mann, der vor ein paar Jahren die Berliner Literaturtage eröffnet hat. Aufgewachsen in Berlin – noch vor dem ersten (!) Weltkrieg. Die Tragik des Geschehens erschloss sich dem kleinen Kind in einem einfachen Bild. Was musste schreckliches geschehen sein, wenn man so eilig aufbrechen musste, dass die Schüssel herrlicher Blaubeeren auf dem Tisch nicht mehr verspeist werden konnte!

Im zweiten Weltkrieg flieht er mit Hilfe seiner Frau, als Jude nach Holland, überlebt, anders als seine Eltern den Holocaust, bleibt bis heute in seiner Wahlheimat. Beeindruckt hat mich damals die Liebe, mit der er von seinen beiden Frauen sprach. Der ersten, die gestorben war, als er etwa 60 war. Und seine jetzige Frau, die er später noch geheiratet hat – nicht hoffen könnend, dass sie noch mehrere Jahrzehnte miteinander verleben würden. Tiefe Liebe zu beiden…anders, einzigartig, doch jede auf ihre Art und Weise geliebt.

Das erzählte ich meiner Bekannten…weil die Erinnerungen an diesen Vormittag, an dem ich ihn sprechen hörte, noch immer lebendig sind. Sie erzählte mir von einem Mann, der sie geprägt hat und der an einem Abend in vertrauter Runde von seinen beiden Frauen sprach. Er erzählte mit tiefer Liebe von seiner ersten Frau, die er bis zu ihrem Tod gepflegt hat. Er erzählte von seiner Liebe zu seiner ersten Frau, von dem, was sie ihm gegeben und bedeutet hat – während seine zweite Frau neben ihm saß. Für alle war spürbar, dass er beide liebt.

Es ist möglich, zwei Mal zu lieben, wenn man mit dem Verlust des einen Menschen versöhnt ist.

Mit Verlusten versöhnt…das begegnete mir auf anderer Ebene. In einem Artikel über die Verleger (Diogenes) und Freunde Rudolf C. Bettschart und Daniel Keel, den ich im aktuellen Diogenes Magazin fand (lag kostenlos bei Starbucks aus). Zwei Mal fast Konkurs. Trotzdem neu begonnen. Auch miteinander.

Und dann empfahl mir ein Freund einen Artikel, der Verletzlichkeit als einen Charakterzug großer Unternehmer beschreibt. Er unterscheidet zwischen aktiver Verletzlichkeit – der Bereitschaft Risiken einzugehen und zu akzeptieren, dass nicht alles gelingt. Und das bewusst bejahen. Kennzeichen großartiger Unternehmer ist für ihn nicht, keine Fehler zu machen. Sondern nach Scheitern, was sich unweigerlich immer wieder einstellt, nicht zu zerbrechen und aufzugeben. Viele schmeißen dann alles hin. Wollen nicht noch einmal so enttäuscht werden. Das ist für ihn passive Verletzlichkeit (weinerlich, selbst-mitleidig, mutlos). Gute Unternehmer sind mit ihren gescheiterten Versuchen versöhnt. Und fangen wieder neu an.

Ähnliche Gedanken finden sich auch in einem Buch von Paul Getty, zu seiner Zeit der reichste Mann der Welt, das mir eine Freundin geschenkt hat.

Ich hab mich viel mit der Frage beschäftigt, wie man es schafft, nach Scheitern, nach Verlusten, nach schmerzhaften Erfahrungen wieder zurück ins Leben zu finden. Ich habe sogar ein ganzes Buch dazu geschrieben – mit dem, was ich vor ein paar Jahren dazu zu sagen hatte: Spring. Hinein ins volle Leben.

Doch es bewegt mich immer noch. Scheitern und Verluste bleiben leider nicht aus. Ich will nicht hart und kalt werden. Sondern weiter lieben: Menschen, Projekte, Ideen. Einmal lieben. Zwei Mal lieben. Ein Schlüssel dazu ist wohl, versöhnt mit den Verlusten zu sein. Und dann wieder neu zu lieben – wenn es sein muss ein Dutzend Mal.