4 Open Door IBin ich ein richtiger Mann? Nachdem ich mich in letzter Zeit mit Prinzessinnen, Königinnen und Frauenrollen auseinander gesetzt habe, beschäftigt mich gerade die Frage „Bin ich ein richtiger Mann?“ – eine Frage, die einige Männer in meinem Umfeld tief bewegt.

Ich fand das zuerst überraschend. Ich frage mich eigentlich nie „Bin ich eine richtige Frau?“  Vielleicht liegt das daran, dass ich im Teenie-Alter Yentl gesehen habe. Ein wunderbarer Film mit Barbara Streisand in der Titelrolle. Sie spielt Yentl, eine Frau, die kluge, theologische Bücher weit spannender findet als Kochtöpfe. Ich würde keinem Menschen empfehlen, sich den Film mit mir anzusehen – ich habe die Filmmusik so oft gehört, dass ich alle Lieder fast auswendig kann und leidenschaftlich gern laut mitsinge – leider nicht so gut wie Barbara Streisand…

Im Film wird die kluge, aber nicht sonderlich hübsche, flachbrüstige Yentl mit einer anderen Frau kontrastiert: Hadass mit goldbraunen Locken, lieblichen Gesicht und „ribbons und laces in all the right places“ (Bänder und Besatz genau am richtigen Platz). Yentl staunt über diese Frau und blickt zugleich etwas auf sie herab: „No wonder she is pretty – what else should she be!“ (Kein Wunder, dass sie schön ist, was für Möglichkeiten hat sie denn sonst?).

Die Frauen lernen sich kennen und schätzen. Am Ende blickt Yentl weiterhin fasziniert auf Hadass und auf sich „She is the wonder of wonders…she is mother and lover and sister… she is woman…and so am I!“ (Sie ist Mutter und Schwester  und Geliebte – sie ist das Wunder der Wunder – eine Frau und ich bin es auch!

Ich bin Verlegerin, Autorin, Lebenskünstlerin, Schutzspenderin und Schutzbedürftige, Starke und Schwache Person, mutig und ängstlich, Leiterin und Lernende. Manchmal in schönen, weichfließenden Kleidern. Manchmal in unförmigen Arbeitsklamotten voller Baustaub und mit zerbrochenen Fingernägeln. Ich kann trotz unterschiedlicher Ausprägungen und Rollen sehen: So kann Frau-sein gelebt werden. Und anders auch. Das habe ich durch Yentl tief begriffen. Die Frage „Bin ich eine richtige Frau“ stelle ich seit Jahrzehnten nicht mehr. Und bin sehr dankbar dafür.

Bin ich ein richtiger Mann? 

Diese Frage irritiert mich. Denn wenn es richtige Männer geben soll, impliziert das ja, dass es auch falsche Männer gibt. Was ist ein falscher Mann? Aus meiner Sicht gibt es nur Männer (das sind Menschen mit einem X und einem Y Chromosom. Und es gibt Nicht-Männer oder Frauen. Die Menschen mit zwei X Chromosomen). Von den ganz wenigen Intersexuellen Menschen abgesehen, gibt es nur Männer und Frauen. Eigentlich müsste man die Frage gar nicht stellen. Denn es gibt ja nur richtige Menschen… richtige Männer und richtige Frauen. Offensichtlich ist es nicht so einfach, denn sonst hätten Millionen Männer, die diese Frage beschäftigt, sie schon längst beantwortet „Ach ja es gibt keine falschen Männer. Nur Männer. Also bin ich ein Mann. Ein richtiger Mann!“

Wer gibt die Antwort auf die Frage „Bin ich ein richtiger Mann?“

Wenn man sich eine Frage stellt, dann sucht man Antwort. Die Frage ist nur, von wem man die Antwort erwartet. Mir fallen vier Optionen ein:

  • Von anderen Männern
  • Von Frauen
  • Von Gott
  • Von sich selbst

Ich frage mich, wie man(n) hofft, Antworten auf diese Frage zu finden. Mal angenommen andere Männer, Frauen, Gott und man selbst würde sagen: „Ja, du bist ein richtiger Mann!“ Würde das das den Knoten im Herzen lösen? Das Suchen beenden?

Welche Kriterien gelten für einen „richtigen“ Mann?

Es stellt sich mir die Frage: Nach welchen Kriterien bestimmen andere Männer, Frauen, Gott und man selbst, wer ein „richtiger Mann“ ist? Das ist – zu allem Überfluss auch noch regional verschieden. Wer in Stuttgart als „richtiger Mann“ gilt ist es in Berlin auf Grund anderer Werte noch lange nicht. Und umgekehrt. Und ob der Berliner in Abu Dhabi oder Neu Delhi als „richtiger“ Mann anerkannt würde, wäre dann die nächste Frage.

Ich halte es für sinnvoll, sich die unbewussten Kriterien für „richtiges Mannsein“ bewusst zu machen. Dem Stier in die Augen zu schauen und die Frage frontal anzupacken: „Sag mir, was macht einen richtigen Mann aus?“ Und dann alle Antworten, die man findet, aufzuschreiben… um Klarheit zu finden: Will ich mich daran messen (lassen) oder lieber nicht?

Und vielleicht jenseits von allem „richtig“ und „falsch“ zu der Erkenntnis kommt: Ich bin ein Mann. Das genügt. 

Welche Fragen stehen hinter der Frage „Bin ich ein richtiger Mann?“

Wenn ich mich in den Fragenden hineinversetze, ahne ich, dass dahinter andere Fragen stehen, Bedürfnisse, die nicht befriedigt sind, Unsicherheiten, die Sicherheit suchen, Sehnsüchte, die nicht gestillt sind. Ich vermute etwa folgende Fragen hinter der Frage:

  • Erhalte ich Anerkennung von Menschen?
  • Erhalte ich Wertschätzung von den Menschen, deren Meinung für mich zählt? Wer ist das?
  • Gelingt mir Verbindung zum anderen Geschlecht?
  • Kann ich bei Gott sicher sein?
  • Kann ich „ja“ zu mir, meinen Stärken, Schwächen, Möglichkeiten und Grenzen sagen?

Ich vermute, dass die Frage immer dann auftaucht, wenn Schmerz und Unsicherheit sich breit macht. Wenn das Leben nicht so gelingt, wie erhofft. Wenn man Schwäche im Körper, in der Seele und der Sexualität spürt. Wenn man beim Vergleichen mit anderen vermeintlich schlechter abschneidet. Wenn Scheitern an der Identität kratzt.

Ich vermute, die Frage „Bin  ich ein richtiger Mann“ ist nichts anderes als der Versuch, die emotionale Unsicherheit, die man spürt, auf rationaler Ebene – durch eine Frage – lösen zu wollen. Die Strategie geht vermutlich nicht auf – deshalb ist die Frage seit Jahrhunderten präsent.

Ich fürchte, so wird man nie eine innerlich tief befriedigende Antwort finden. Im Vergleich wird es immer Männer geben, die „richtiger“ sind…stärker, mutiger, erfolgreicher… Und weil selbst ein „Ja, du bist ein richtiger Mann!“ den Kern nicht trifft. Vielleicht ist die Frage „Bin ich ein richtiger Mann?“ nur eine Flucht vor den anderen Fragen?

1 TemptationMutiger, stärker und männlicher könnte es vielleicht sein, auch hier den Stier an den Hörnen zu packen und sich zu fragen:

  • Was fühle ich wirklich, wenn mir diese Frage „Bin ich ein richtiger Mann?“ durch den Kopf geht? Oder noch präziser: Was fühlte ich in dem Moment kurz bevor ich mir die Frage gestellt habe (z. B. Unsicherheit, Traurigkeit)?
  • Was brauche ich wirklich (z. B. Bestätigung, Trost, Ermutigung)?
  • Wer kann mir das geben? (Das kann ein anderer Mensch sein, Gott oder auch man selbst… es ist kein bisschen unmännlich, sich selbst Trost und Mut zuzusprechen… kämpferische, starke, poetische Männer und Liebhaber wie David haben das in den Psalmen immer wieder getan z B. Psalm 42)?

3 Welcome Celebration IIIWenn ich Filmemacherin wäre, dann würde ich vielleicht einen Film machen, in dem ein softer, poetischer, zurückhaltender Mann einem durchsetzungsstarken, bäumefällenden Kraftprotz begegnet – und die beiden die Schätze aneinander entdecken. Nicht mehr nach richtiger und falscher Männlichkeit fragen. Sondern einfach nur gemeinsam singen: „Ich bin ein Mann!“

Was denkt ihr? Liege ich mit meinen Vermutungen richtig? Falsch? Welche ergänzenden Gedanken und Kommentare habt ihr? Ich bin gespannt.

Bilder auf dieser Seite stammen von dem Künstler Wolfgang Tonne.